Rezension: "Ich fürchte mich nicht"

Ich fürchte mich nicht  - Tahereh Mafi, Mara Henke

*Worum geht's?*
Seit 264 Tagen ist Juliette bereits in Einzelhaft eingesperrt, abgeschottet von der Außenwelt, damit sie für niemandem mehr gefährlich sein kann. Denn sie ist ein Monster, eine Ausgestoßene, eine gefährliche Waffe: Juliette ist tödlich. Wer sie berührt, setzt sich unerträglichen Schmerzen aus, die einem das Leben kosten können – und genau das macht das junge Mädchen für das Reestablishment, die Machthaber in der verpesteten und zerstörten Welt, so interessant. Sie sehen in Juliette ihr Instrument zur Sicherung der Macht, das die Anhänger der Bewegung mit einer bloßen Berührung zum Aufgeben zwingen kann. Doch Juliette weigert sich. Sie will niemanden foltern, niemanden töten! Verzweifelt sucht sie nach einem Ausweg, um nicht nur dem Reestablishment zu entfliehen, sondern auch ihrer dunklen Gabe.

*Kaufgrund:*
"Ich fürchte mich nicht" von Tahereh Mafi stand schon lange auf meiner Wunschliste, fand schließlich aber eher zufällig zu mir. Viele positive Meinungen anderer Blogger machten mich sehr neugierig!

*Meine Meinung:*
Kaum hatte ich mit dem Lesen begonnen, wollte ich das Buch bereits wieder zur Seite legen. Der seltsame Schreibstil der Autorin war nicht nur ungewohnt, sondern regelrecht anstrengend. Ohne Punkt und Komma hat Tahereh Mafi abgehackte Sätze zu Papier gebracht, die die Gedanken der Protagonistin Juliette zwar haargenau auf den Punkt treffen, für den Leser aber nur sehr schwer nachzuvollziehen sind. Zum Teil musste ich einen Absatz doppelt lesen, um verstehen zu können, was Juliette mit ihrem Gefühlsausbruch eigentlich loswerden wollte. Obwohl mich der Schreibstil der Autorin zu Beginn eher abgeschreckt als begeistert hat, blieb ich dran – und wurde belohnt.

Je mehr Seiten man liest, desto schneller gewöhnt man sich an Mafis außergewöhnliche, holprige Sprache. Die ausgelassenen Satzzeichen sieht man gar nicht mehr und die Wiederholungen empfindet man nicht mehr als störend, sondern als eindringlich und deutlich. Mit der Zeit nimmt man den Schreibstil nicht mehr als anstrengend, sondern als emotional wahr und ist beeindruckt, mit welcher Intensität und Tiefe es Taheref Mafi geschafft hat, Juliettes Gefühle zu beschreiben. Schlussendlich ist der Schreibstil eines der Highlights des Romans, einer der Aspekte, der dieses Buch so besonders macht und von der Masse abhebt. Ja, er ist anders, ungewohnt und zu Beginn sehr schwierig, aber er ist großartig und könnte kaum passender sein. Man muss sich erst an ihn gewöhnen, um ihn lieben zu lernen.

Ein weiterer neuer Aspekt innerhalb von Tahereh Mafis Schreibstil hat mir allerdings von Anfang an sehr gut gefallen: Das Spiel mit der Textformatierung. Innerhalb des Romans finden sich einige durchgestrichene Textpassagen, die zeigen, was Protagonistin Juliette wirklich denkt oder in Wahrheit sagen möchte, aber nicht kann. Entweder weil sie es selbst nicht wahrhaben will, oder weil es jemandem ernsthaft schaden könnte. Als könnte sie ihre eigenen Gedanken dadurch auslöschen, aus ihrem Kopf streichen, nichtig machen – diese Textstellen sind meist so voller Gefühl, dass man gar nicht anders kann, als beeindruckt zu sein.
Außerdem gibt es einige Rückblenden, in denen uns Juliette an ihren Erinnerungen aus ihrem frühen Leben teilhaben lässt. Wie war es für sie, von allen für ein Monster gehalten zu werden, selbst von ihren Eltern? Wie war es für sie, als der Unfall geschah? Diese Szenen wurden kursiv gedruckt, um den Sprung in die Vergangenheit darzustellen.

Die Geschichte beginnt in der Anstalt, in der Juliette eingesperrt worden ist. Bereits nach den ersten Seiten spürt man, wie die düstere und dunkle Atmosphäre einen in ihren Bann zieht und zum Weiterlesen animiert. Man möchte wissen, was geschehen wird, will wissen, wie sich die Handlung entwickeln wird. Als Juliette von Soldaten abgeholt wird, um im Krieg als Folterwaffe genutzt zu werden, verliert das Buch einen großen Teil seiner bedrückenden Stimmung und der jungen Protagonistin eröffnet sich eine aufregende und brutale neue Welt. Zum Schluss entwickelt sich die Geschichte allerdings in eine völlig abstruse Richtung, die ich gar nicht zu bewerten vermag. Es klingt sehr wirr und durcheinander und hat definitiv nichts mehr mit dem Anfang der Geschichte gemein. Das Ende ist ein Punkt, an dem sich viele Leser uneinig sein werden. Auch ich weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll, bin aber schon gespannt, wie die Autorin ihre Geschichte weitererzählen wird.

Protagonistin und Erzählerin des Romans ist die siebzehnjährige Juliette, die mit einer schrecklichen Gabe ausgestattet ist: Wenn jemand mit ihrer bloßen Haut in Berührung kommt, erleidet er unsägliche Schmerzen, die ihm sogar das Leben kosten können. Diese Fähigkeit hat das herzensgute Mädchen gebrochen, sie gar ein wenig wahnsinnig gemacht. Seit sie denken kann, war sie für jeden immer bloß das Monster. Nie hat sie Liebe oder Gerechtigkeit erfahren, nie wurde ihr Zuneigung zuteil, nie hatte jemand nette Worte für sie übrig. Selbst ihre Eltern haben sie deutlich spüren lassen, wie sehr sie ihre eigene Tochter verachten. Juliette ist extrem in sich gekehrt, zurückhaltend und vorsichtig. Wenn sie ängstlich oder hektisch wird, beginnt sie sogar zwanghaft Dinge zu zählen oder zu analysieren. Obwohl sie sicher alles andere als eine typische Protagonistin ist, mit der man sich leicht identifizieren kann, schließt man sie schnell ins Herz. Ihre guten Gedanken und ihr liebes, gebrochenes Herz sind es, die sie sympathisch machen. Auch wenn Juliette ihre schlimme Vergangenheit in "Ich fürchte mich nicht" nicht überwindet, so lernt sie doch, was es heißt, ein Mensch und kein Monster zu sein. Sie blüht regelrecht auf und als Leser freut man sich über jeden einzelnen Schritt, den sie trotz ihrer furchtbaren Gabe Richtung Normalität geht.

Bei "Ich fürchte mich nicht" handelt es sich um eine Jugendbuch-Dystopie, was natürlich bedeutet, dass eine Liebesgeschichte nicht fehlen darf. Adam, ein junger Mann, der nach 264 Tagen der Einsamkeit aus vorerst unerklärlichen Gründen ebenfalls in ihre Zelle eingesperrt wird, ist es, der Juliette den Kopf verdreht. Er löst in ihr Erinnerungen aus, die sie lange zu verdrängen versucht hat, und obwohl er weiß, das ihn eine Berührung töten könnte, schreckt er nicht vor ihr zurück. Tahereh Mafi beschreibt die aufflammende Liebe zwischen Juliette und Adam mit einer gewaltigen Stärke und beschwört mit ihren Worten eine Flutwelle der Emotionen aus, von denen man als Leser ein wenig erdrückt wird. Wer kein Fan von betonten romantischen Gefühlen ist, dem wird die Liebesgeschichte in "Ich fürchte mich nicht" sicherlich zu viel sein.

Was mich sehr enttäuscht hat, war die Tatsache, dass die Autorin sich für die Hintergründe ihrer Geschichte nicht sonderlich viel Zeit genommen hat. Sie hat ihren Fokus eindeutig auf die Gefühle gelegt und das "Wieso? Weshalb? Warum?" nur notdürftig beschrieben. Dadurch waren die Handlungen einiger Charaktere nicht ganz verständlich. Am meisten hat mich jedoch gestört, dass Tahereh Mafi kaum Informationen über die Dystopie an sich liefert, die sie in ihrer Geschichte erschaffen hat. Man erfährt zwar allgemein, wie es zu der tristen Welt gekommen ist, in der Juliette um ihre Freiheit kämpfen muss, aber ausführliche Erläuterungen, die man interessiert verschlungen hätte, liefert die Autorin ihren Lesern nicht.

*Cover:*
"Aus der Ferne hui, aus der Nähe pfui!" - Ganz so schlimm ist es nicht, aber im Grunde trifft dieser Satz perfekt, was ich von dem Cover halte. Eigentlich ist dieses Bild ein echter Hingucker, der sich ganz klar von der Menge abhebt und viele Augen auf sich ziehen kann. Betrachtet man das Cover jedoch genauer, fällt einem jedoch auf, wie stark das Bild bearbeitet wurde, welche Teile eingefügt wurden und wo Aspekte geschnitten wurden.

*Fazit:*
"Ich fürchte mich nicht" ist eine tolle und außergewöhnliche Dystopie mit Fantasyelementen, auf die man sich erst einlassen muss, um sie lieben zu können. "Sprachgewaltig", wie der Verlag den Roman umwirbt, ist er auf alle Fälle, allerdings muss man auch einen Faible für intensive Beschreibungen haben. Obwohl sich die Autorin eine spannende Geschichte ausgedacht hat, schenkt sie ihren Lesern nur sehr wenig Informationen über die Hintergründe ihrer Dystopie und macht es ihnen damit unnötig schwer, alles verstehen und begreifen zu können. Nach einem abstrusen Abschluss des Auftaktes bin ich schon sehr gespannt darauf, was sich Tahereh Mafi für den zweiten Band ausgedacht hat. Ich vergebe insgesamt schwache 4 Sterne.