Weißer Fluch

Weißer Fluch - Holly Black *Worum geht's?* Cassel Sharpe war immer der Außenseiter. Er stammt aus einer Familie voller großer und begabter Fluchwerker und ist der einzige, der keinerlei Bezug zur Magie hat. Das Gesetz kann sich darüber nur freuen, schließlich ist die Fluchmagie und jegliche Anwendung strengstens verboten. Für Cassel ist es jedoch eine enorme Belastung, schließlich macht sich seine Familie nicht viel aus dem Gesetz. Eher schlecht als recht arbeiten sie allesamt im Untergrund mit den Flüchen, um ihr Geld zu "verdienen". Dabei ist ihnen jedes Mittel recht; die Familie steht über allem. Selbstverständlich ist es in einer solchen Familie auch kein Problem, eine Leiche verschwinden zu lassen. Genauer gesagt die Leiche von Lila, Cassels bester Freundin, die er mit eigenen Händen getötet hat. Cassel kann nicht fassen, dass er es getan hat. Er weiß nicht einmal, warum! All die Zeit hat er versucht, nicht darüber nachzudenken. Doch jetzt, drei Jahre später, plagen ihn seltsame Träume und er beginnt zu schlafwandeln. Als er eines Nachts beinahe von einem Dach in den Tod stürzt, beginnt er, nach der Ursache seines Nachtwandelns zu Suchen - und macht dabei erschreckende Entdeckungen über seine Vergangenheit und seine gesamte Familie... *Kaufgrund:* Für mich hat an "Weisser Fluch" von Holly Black alles gestimmt. Titel, Cover, Klappentext - alles an diesem Roman hat mich neugierig gemacht, sodass ich die Geschichte zwischen den Buchdeckeln erkunden wollte. *Meine Meinung:* Der Einstieg in die Geschichte sollte dafür sorgen, dass der Leser über die Charaktere und ihre Schicksale erfahren möchte. Leider hat Black hier völlig daneben gegriffen! Sie wirft den Leser so stark ins kalte Wasser, dass es für mich nicht verwunderlich ist, wenn jemand den Roman nach wenigen Seiten weglegen möchte. Es ist ein riesiges, undurchsichtiges Wirrwarr aus Namen, Begriffen, Orten und Handlungssträngen, das sich für lange Zeit nicht aufzulösen scheint. So extrem habe ich es bei kaum einem Buch erlebt! Aber wer es schafft, den zähen und verwirrenden Anfang zu überwinden, der wird mit einem spannenden und magischen Abenteuer belohnt werden, das einige unerwartete Wendungen nehmen wird. Kaum kommt der Glaube auf, man hätte unter all den Schurken eine vertrauenswürdige Person gefunden, baut Black ein Ereignis ein, das einem vom Gegenteil überzeugen wird. "Weisser Fluch" klingt langsam aus und lässt dem Leser die Möglichkeit, sich über einige ruhigere Seiten von Cassel zu verabschieden. Es gibt keinen Cliffhanger; die Handlung ist abgeschlossen, bietet allerdings eine kleine Grundlage für die Fortsetzung. Ich wäre von dem Ende begeistert, wenn es sich um einen Einteiler handeln würde. So kann mir nicht recht vorstellen, wie Black aus dem Stoff einen ganz neuen Roman machen möchte. Black hat sich für ihre Buchreihe eine völlig neue Art von Magiern ausgedacht: Die Fluchwerker. Nur sehr wenige Menschen auf der Welt besitzen eine der Gaben der Fluchwerker. Es gibt Glückswerker, die die Gefühle der Menschen beeinflussen können, Traumwerker, die Träume lenken können, Gedächtniswerker, die Erinnerungen auslöschen oder einfügen können, Todeswerker, die über Leben und Tod entscheiden, und Verwandlungswerker, die Personen in andere Körper verwandeln können. All ihre Flüche können die Werker allein durch eine kleine Berührung mit der Hand ausüben, deshalb muss jeder Mensch Handschuhe tragen - als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme, denn die Fluchmagie an sich ist bereits gesetzlich verboten worden. Das hält Cassels "Mafia-Familie" natürlich nicht auf. Holly Black hat die Fluchwerker in ihrer Geschichte so selbstverständlich mit unserer realen Welt verwoben, als gäbe es sie tatsächlich. Nur selten schaffen es Autoren, Magie realistisch in eine Geschichte einzupflanzen, die im wirklichen Leben spielen soll, aber für Black war diese Herausforderung offensichtlich keine Hürde! "Weisser Fluch" wird aus Cassels Sicht beschrieben. Es war mir nur in sehr wenigen Momenten möglich, mich mit ihm zu identifizieren. Er passt überhaupt nicht in das übliche Protagonisten-Schema. Er ist nicht gut, sondern lügt und betrügt, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Nichtsdestotrotz vergisst Cassel niemals, was Gerechtigkeit bedeutet - nunja, zumindest richtet er sein Handeln nach seiner ganz persönlichen Definition von Recht und Ordnung. Sein ganzer Charakter macht es für uns Leser kaum möglich, mit ihm zu sympathisieren; schließlich lernen wir seit unserer frühsten Kindheit, dass all das, was er tut, falsch und böse ist. Aber genau das macht ihn als Hauptfigur so faszinierend, erfrischend und einzigartig! Um Cassel zu mögen, muss man sich erst einmal durch den schwierigen Anfang kämpfen und verstehen, wie er Gerechtigkeit definiert. Ähnlich sieht es bei den meisten Nebencharakteren aus. Cassels gesamte Familie besteht aus Fluchwerkern und sie alle sind sich ihrer Begabungen sehr bewusst. Sie nutzen sie jedoch nicht, um Gutes zu tun, sondern um skrupellos zu bekommen, was sie wollen. Wer Cassel wegen seiner Taschendiebtricks bereits verurteilt hat, dem wird bei seiner Familie eiskalt der Schauer über den Rücken laufen, denn sie scheuen vor keinem Fluch zurück! Auch mit den restlichen Sharpes konnte ich - moralisch betrachtet - nicht viel anfangen. Sie sind quasi der Inbegriff von "Personen, mit denen ich lieber nichts zu tun haben möchte!". Doch wie bei Cassel sind all die negativen Eigenschaften ihre großen Vorteile. Sie machen "Weisser Fluch" besonders und sorgen dafür, dass sich dieser Roman deutlich von anderen des Genres abhebt. Selbstverständlich ist das Buch von Holly Black nicht bloß mit "bösen Figuren" ausgestattet. Sam und Daneca, zwei Mitschüler von Cassel, sind die Sympathisanten des Romans, die besten Freunde, auf die man sich stets verlassen kann. Normalerweise wären die beiden für mich das typische Beispiel für Charaktere, die in der Masse untergehen, aber der enorme Kontrast, den Sam und Daneca zu Cassel und seiner Familie darstellen, macht sie wahrhaftig zu Charakteren, die man sich aus "Weisser Fluch" nicht wegdenken möchte. *Cover:* Vor dem Lesen hat mir das Cover sehr gut gefallen und war mitunter einer der Gründe, wieso ich "Weisser Fluch" lesen wollte. Nun fehlt mir abermals jeglicher Bezug. Wieso hat man nicht statt des weißen Falters eine weiße Katze abgebildet, wie im englischen Original? *Fazit:* "Weisser Fluch" ist ein tolles Buch für Young-Adult-Fans mit einem sehr schwierigen Anfang, den es erst zu überwältigen gilt. Als Belohnung winkt eine wohl durchdachte, spannende Geschichte über eine Art der Magie, die man so noch nicht gekannt hat. Die Charaktere entsprechen überhaupt nicht den sonstigen Figuren des Genres und können allein durch ihre erfrischende, wenn auch nicht besonders liebevolle Art glänzen. Für den Anfang ziehe ich einen Stern ab und vergebe insgesamt 4 Sterne.