Die Messertänzerin

Die Messertänzerin - Susanne Rauchhaus *Worum geht's?* Divya wächst als Dienerin, einer Angehörigen der untersten Kaste in ihrer Heimat Pandrea, in einer Mädchenschule auf. Wie gern würde sie auch später zu einer Tana, einer angesehenen Frau, werden und Tänze erlernen! Als Dienerin ist ihr dies ausdrücklich verboten. Doch Divyas Wille ist größer als jegliche Vernunft, und so schleicht sie in jeder freien Minute um die Lehrräume herum, um den Unterricht heimlich verfolgen zu können. Eines Tages spricht ein Licht zu ihr, verspricht ihr ungeahnte Aufstiegschancen, wenn sie bereit ist zu kämpfen. Durch einen Mord an der Mädchenschule wird der junge Wächter Tajan beordert, die angehenden Tanas zu beschützen, und Divya nutzt ihre einzige Chance: Während sie bei Tag dem Unterricht lauscht, lernt sie bei Nacht den Umgang mit dem Messer von Tajan. Schon bald scheint sich die Prophezeiung des Lichts zu bewahrheiten: Sie erhält einen Mordauftrag, der ihr eine gesicherte Zukunft verspricht. Divya muss eine Entscheidung treffen, und beschwört damit unerwartete Konsequenzen herauf, die ganz Pandrea verändern sollen. *Kaufgrund:* Von "Melina und die vergessene Magie", das die Autorin unter dem Pseudonym Susanne Mittag veröffentlichte, war ich begeistert. Ich war neugierig, ob mich ein Jugendbuch von Susanne Rauchhaus ebenso faszinieren würde. *Meine Meinung:* Die Geschichte beginnt mit einer ihrer dramatischsten Szenen: Divya hat sich entschieden und muss nun handeln. Für den Leser, der weder Charaktere noch Handlung kennt, erscheint dies im ersten Moment mehr als überwältigend. Man versteht nur Bahnhof! Trotzdem wird durch diesen aktionsgeladenen Prolog eine enorme Spannung aufgebaut und man möchte sofort die Hintergrundgründe des Geschehens kennenlernen. Insgesamt also ein gelungener Auftakt, der allerdings die Erwartungen für das Folgende sehr hoch setzt. Während sich das anschließende erste Drittel des Buches mit den Dingen beschäftigt, die zu jenem Tag führten, befasst sich der Rest mit den daraus folgenden Konsequenzen. Ich möchte hierbei nicht zu viel von der Handlung verraten, aber so viel sei gesagt: Langeweile kommt in diesem Roman niemals auf! Durch die sehr späte endgültige Auflösung aller Rätsel kann die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhalten werden. Nicht nur die Handlung hebt sich deutlich von anderen Jugendbüchern ab, auch die Charakteren können glänzen. Keiner von ihnen ist ein Alleskönner, jeder besitzt seine Ecken und Kanten und nicht einmal die Nebencharaktere machen einen oberflächlichen Eindruck. In jedem von ihnen steckt eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die den Leser in ihren Bann zieht und zum Weiterlesen verleitet. Mit jedem Umblättern möchte man mehr von den Figuren erfahren, und man wird nicht enttäuscht. Bis zur letzten Seite kommen neue Wahrheiten an das Tageslicht und ganz plötzlich betrachtet man die Figuren aus einem ganz anderen Blickwinkel. Besonders strahlen können dabei natürlich die Protagonistin Divya und der Wächter Tajan. Man mag kaum glauben, wie viele Rätsel um ihre eigene Person sie im Handlungsverlauf lösen werden! Die entstehende Liebesgeschichte zwischen Divya und Tajan ist durch deren Geheimnisse stark beeinflusst und gewinnt dadurch an Tiefe. Je mehr sie miteinander erleben, desto stärker wird ihr Verbund und ihre Liebe. Wer nur das Ende lesen und all die gemeinsam aufgedeckten Geheimnisse nicht kennen würde, dem könnte die Beziehung zu sehr Richtung "Ende gut, alles gut" gehen - aber mal ehrlich, wer macht das schon? Insgesamt ist die Liebesgeschichte so, wie sie ist, schön und leidenschaftlich. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass die Beziehung zwischen Divya und Tajan zwar eine entscheidende Rolle einnimmt, jedoch nicht die komplette Handlung bestimmt. Pandrea ist ein wunderbarer Ort für Divyas Abenteuer: Eine orientalische Landschaft, die an eine Mischung aus Indien, Türkei und Ägypten erinnert und ausgesprochen bildhaft beschrieben wird. Beinahe fühlt es sich so an, als könnte man selbst in Pandrea über die Dächer springen und die Paläste bestaunen. Die gesamte Leseatmosphäre richtet sich nach dieser Stadt, ihren Lebensumständen und ihren Bürgern, und das ist gut so! Es entsteht ein Flair wie in "Tausendundeine Nacht", nicht zuletzt durch die abendländischen Tänze, die in diesem Roman eine entscheidende Rolle einnehmen. Ohne das großartige Pandrea wäre "Die Messertänzerin" nur halb so schön zu lesen. Das Ende ist - wie Divyas Messertanz - perfekt, auch wenn man die Charaktere nur ungern so schnell wieder verlässt. Es bietet dem Leser alle Antworten auf Fragen, die während des Lesens aufgekommen sind. Zum Glück wird man nicht mit ungelösten Geheimnissen konfrontiert, die nach dem Lesen für Kopfzerbrechen sorgen würden! Trotzdem bietet der Schluss genügend Stoff zum Weiterträumen. *Cover:* Das Cover vermittelt beim ersten Anschauen sofort ein orientalisches Gefühl, das super zum Inhalt des Buches passt und das abgebildete Messer verstärkt diesen Bezug zum Text. Das Mädchengesicht - man, hat man sich ja etwas völlig Neues ausgedacht! - gefällt mir aus Prinzip leider nicht so gut, ist aber vorteilhaft ausgewählt und könnte Protagonistin Divya darstellen. Eine Silhouette von Divya, während sie tanzt, hätte ich mehr gemocht! *Fazit:* Ich ging mit hohen Erwartungen an den Roman heran und wurde nicht enttäuscht. "Die Messertänzerin" überzeugt mit einer fantasievollen Handlung, die den Leser bis zum Ende mitreißen und mit vielen unerwarteten Wendungen zum Staunen bringen kann. Die wohldurchdachten Charaktere machen es fast unmöglich, beim Lesen eine Pause einzulegen. Es ist außerordentlich erfrischend, endlich mal ein Buch zu lesen, das vor innovativen Ideen regelrecht strotzt und sich - besonders durch die Geschichte - von anderen des Genres abhebt. Volle Punktzahl für "Die Messertänzerin"!