Alice und ich: Roman

Alice und ich - Melanie Benjamin, Gerlinde Schermer-Rauwolf, Thomas Wollermann *Worum geht's?* Charles Dodgson ist ein Vertrauter der Dekansfamilie Liddell; besonders zu den drei Töchtern pflegt er eine enge Freundschaft. Aber keines der Mädchen fasziniert ihn so sehr wie aufgeweckte Alice, seine Muse, die ihn zur Geschichte von "Alice im Wunderland" inspiriert. Sie war es, die ihn darum bat, die Geschichte als Lewis Carroll aufzuschreiben, die er ihr und ihren Schwestern während eines Ruderausflugs erzählte. An einem Sommertag im Jahre 1863 - Alice ist elf, Dodgson 31 - kommt es plötzlich zum Bruch zwischen den beiden. Dieses schicksalhafte Ereignis überschattet von nun an Alices Leben. Immer ist sie "Alice im Wunderland", niemals nur Alice. Bloß Prinz Leopold sieht sie so, wie sie wirklich ist. Doch Alice wird wieder und wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt, und schließlich verliert sie selbst ihre große Liebe. Was geschah an jenem Sommertag? *Kaufgrund:* Jeder kennt die Geschichte um "Alice im Wunderland". Zu wissen, wer Alice Liddell wirklich war und wie es zu dem Klassiker kam, können hingegen nur wenige behaupten. Als ich das Buch entdeckte, war mir sofort klar: Das muss ich lesen! *Meine Meinung:* Die Autorin Melanie Benjamin hat mit "Alice und ich" einen autobiografischen Roman erschaffen, in dem Wahrheit und Erdachtes so eng miteinander verwoben sind, dass man keine klaren Grenzen ziehen kann. Alice selbst berichtet über ihr Leben als "Alice im Wunderland" und ihre verzweifelten Versuche, dem Wunderland zu entfliehen. Zu viele Probleme und Verluste musste sie erleiden, weil sie Dodgson darum bat, den bekannten Klassiker aufzuschreiben. Anfangs war es schwierig, sich in die Geschichte hineinfinden zu können. Benjamin hat einen sehr detaillierten, gehobenen Schreibstil, der fantastisch in die viktorianische Zeit passt und diese auf besondere Art und Weise repräsentiert. Leser, die - wie ich - nicht an eine solche Sprache gewöhnt sind, werden hier Anlaufschwierigkeiten bekommen. Allerdings gelingt es sehr schnell, diese zu überwinden und in das Geschehen eintauchen zu können. Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt: Im ersten wird Alices Kindheit und ihre innige Freundschaft zu Charles Dodgson beschrieben. Darauf folgt ein großer Zeitsprung: Die Freundschaft ist zerbrochen und Alice ist nun eine junge Dame, die sehr unter ihrer Berühmtheit durch "Alice im Wunderland" zu leiden hat. Im letzten Teil des Buches ist Alice zu einer alten Frau geworden und denkt unentwegt über ihr Leben, über das "Was wäre gewesen, wenn..." nach. Zu Beginn eines jeden Abschnittes ist ein Foto von der echten Alice zu sehen. Durch eine solche Unterteilung wird Alices Wandlungsprozess sehr gut dargestellt: Aus der kecken Alice, die sich gerne den Hügel herunterrollt, wird eine feine Dame. Unterstützend wirken dabei Sprache und Atmosphäre. Ich war begeistert, wie vollkommen diese Aspekte aufeinander eingestimmt wurden. Besonders die Leseatmosphäre hat dafür gesorgt, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen. Die Stimmung war oft mehr als bedrückend. Unangenehme Vorahnung (speziell bei der Freundschaft zwischen Alice und dem knapp zwanzig Jahre älteren Dodgson) begleiten einen ab der ersten Seite. Dadurch wird zusätzlich eine große Spannung erzeugt, die den Leser an das Buch fesselt. Im gesamten Roman hatte ich das Gefühl, Alice Liddell würde mir ihre Lebensgeschichte persönlich erzählen - dabei hat die Autorin selbst nie mit der echten Alice gesprochen. Benjamin hat ausgesprochen gute Rechercheabeit geleistet und stets in den richtigen Momenten ihre kreativen Ideen in die Handlung einfließen lassen. Was an der Geschichte wahr, was fiktiv ist, wird schlussendlich nur im Nachwort deutlich. Alices Gefühle jedoch wurden stets authentisch dargestellt, egal, in welcher Lebensphase sie sich befand (insbesondere ihre Wut und ihre Trauer). Nicht nur die Protagonistin, auch die Nebencharaktere wurden realistisch wiedergegeben. Der Abschluss des Romans ist großartig, emotional und bietet dem Leser die erhoffte Aufklärung: Was geschah an jenem Sommertag? Wer aufmerksam gelesen hat, wird viele Andeutungen gefunden haben, die auf dieses Ende schließen lassen, aber niemals zu viel verraten haben. Ob man dem Schluss glauben schenken mag oder nicht, sei dem Leser überlassen. Aufzeichnungen darüber wurden sowohl von Alices als auch von Dodgsons Familie verbrannt. *Cover:* Das Cover ist ein absoluter Blickfang. Durch die edle Verarbeitung des Umschlags muss man das Buch einfach in die Hand nehmen! Auch das Motiv ist passend: eine junge Frau, die Alice darstellen soll, betrachtet sich in einem Spiegel. Diese bedeutsame Szene spielt auch im Roman eine große Rolle. *Fazit:* Ein bewegender Roman über das wahre Leben der Alice Liddell. Nach der letzten Seite muss ich zugeben, dass ich nicht genau weiß, wo ich meine Gefühle einordnen soll. Zu sehr hat mich die Geschichte berührt, erschreckt, mitgerissen, bedrückt und erstaunt. Nur eines weiß ich sicher: Nie wieder kann ich "Alice im Wunderland" lesen oder als Film anschauen, ohne "Alice und ich" im Hinterkopf zu haben! Ich vergebe volle 5 Sterne für einen wundervollen autobiografischen Roman, der genau an den richtigen Stellen realitätsnah geblieben ist.