Forbidden

Forbidden - Tabitha Suzuma, Bernadette Ott, Kathrin Schüler *Worum geht's?* Es ist nicht unüblich, dass die großen Geschwister ab und zu auf die Kleinen aufpassen. Dass sie allerdings die gesamte Elternrolle tragen, ist es dagegen sehr wohl! Lochan, 17, und seine Schwester Maya, 16, übernehmen all die Aufgaben, die eigentlich Mutter und Vater erledigen sollten - wenn der Vater nicht vor Jahren mit seiner neuen Familie ausgewandert wäre und die Mutter nicht ständig im Vollrausch das Nachtleben genießen würde. Eine unglaubliche Last liegt auf den Schultern der beiden, denn sie und ihre drei kleineren Geschwister müssen in der Öffentlichkeit wie eine normale und gepflegte Familie wirken. Das Letzte, was sie gebrauchen können, ist das Jugendamt, das sie alle auseinander reißen würde! Wenigstens können Maya und Lochan sich gegenseitig eine Stütze sein. Die beiden sind nicht nur Bruder und Schwester, sie sind auch seit eh und je beste Freunde, die sich wortlos verstehen. Und langsam, aber sicher merken sie, dass sie einander mehr bedeuten; dass sie verbotene Gefühle füreinander entwickeln, die ihnen zum Verhängnis werden könnten... *Kaufgrund:* Es war die Thematik, die mich so neugierig auf "Forbidden" machte. Tabitha Suzuma, die Autorin, behandelt in ihrem Jugendbuch ein absolutes Tabu-Thema, nämlich die inzestiöse Beziehung zwischen Bruder und Schwester. *Meine Meinung:* "Wie kann sich etwas Falsches so richtig anfühlen?" lautet der Untertitel des Romans von Tabitha Suzuma. Wer dieses Buch in die Hand nimmt wird diese Frage sicherlich leicht verurteilen. Die Liebe zwischen zwei Familienmitgliedern, zwischen zwei Geschwistern - das ist doch abartig, unnatürlich, gar pervers! Diejenigen, die "Forbidden" jedoch tatsächlich lesen, werden schon bald ein mulmiges Gefühl beschlichen werden, das sich nach der letzten Seite des Buches noch stärker ausbreitet. Ist es wirklich so abnormal, wie es die Gesellschaft nennt? "Wie kann sich etwas Falsches so richtig anfühlen?" Die Handlung entwickelt sich in kleinen Schritten. Tabitha Suzuma nimmt sich erst einmal reichlich Zeit, um dem Leser die verschiedenen Figuren vorzustellen und zu erläutern, wie sie zu einander stehen. Auch die momentanen Lebensumstände und die Vergangenheit der Familie von Lochan und Maya wird näher geschildert. Erst nach etwa dem ersten drittel des Romans kommt das Hauptthema, die inzestiöse Beziehung zwischen den zwei Geschwistern, zur Sprache. Um die berühmte "Liebe auf den ersten Blick" handelt es sich hier also keinesfalls! Voller Vorsicht und mit viel Gefühl blüht die verbotene Liebe immer weiter auf. Mit jeder Seite wird es spannender und emotionaler. Man weiß genau, dass es nicht sein sollte - trotzdem ist es einem nicht möglich, es als "schlecht" oder "abartig" zu bezeichnen. Suzuma bringt ihre Geschichte zu einem spektakulären und ergreifenden Schluss, der vielen Lesern die Tränen in die Augen treiben wird. Im Großen und Ganzen verläuft "Forbidden" zwar so, wie man es sich bereits vor dem Lesen denken konnte, doch das tut der Geschichte nicht den geringsten Abbruch! Der Roman hat mich voll und ganz begeistern und überzeugen können und gehört für mich zu den absoluten Must-Reads des Jahres. Lochan, der männliche Hauptcharakter der Geschichte, ist die erste Figur, der man in "Forbidden" begegnet. Er ist ein ausgezeichneter Schüler und erhält in jeglichen schriftlichen Prüfungen die besten Noten. Bloß sein kleines Problem kommt ihm dabei in die Quere: Er ist so schüchtern und zurückhaltend, distanziert sich so stark von den Menschen in seiner Umgebung, dass ihm das Sprechen erheblich belastet. Keiner ahnt, welch immensem Druck er standhalten muss - nur seine Schwester Maya weiß, was dahinter steckt: Neben der ganzen Arbeit für die Schule ist er zudem Familienoberhaupt und hat die Vaterrolle übernommen. Er versucht stets, den Starken zu spielen und seine Schwächen zu verstecken. Dass seine verstörte Psyche das nicht mitmacht und ihm daher gerne einmal zum Verzweifeln bringt, ist wohl kaum verwunderlich, dafür umso ergreifender! Lochan ist ein großartiger Charakter mit viel Tiefe, der einem mit jedem Kapitel mehr ans Herz wächst und immer wieder aufs Neue beeindruckt. Maya - Lochans älteste Schwester, engste Vertraute und zweite Protagonistin - sieht alles nicht so eng wie Lochan. Sie lässt sich von all den Dingen, die ihrer Familie zugestoßen sind, nicht unterkriegen. Sie ist quasi die emotionale Stütze, die alles noch zusammenhält, obwohl es mit jedem Tag mehr zu Zerbrechen droht. Mit ihrer positiven Einstellung und ihrem immerwährenden fröhlichen Gemüt ist sie die ideale Ergänzung zu Lochan. Insgesamt kann Maya als Figur nicht so stark überzeugen wie ihr Bruder. Sie besitzt zwar ebenfalls viel Tiefe und einen großen Facettenreichtum, kann aber durch ihre mentalen Zustand nicht so sehr schockieren, berühren und mitreißen wie Lochan. Tabitha Suzuma hat sich nicht mit vielen Nebencharakteren herumgeschlagen, sondern nur die nötigsten in die Geschichte miteingebaut: Lochans und Mayas Mutter, die nicht mit ihrem Leben zurechtkommt; die drei kleineren Geschwister, um die sich das Geschwisterpaar kümmern muss; Lochans Lehrerin, die hinter seine Maske zu blicken versucht; Mayas beste Freundin Francie und ein Verehrer, Nico, die die Beziehung zwischen Lochan und Maya unbewusst entfachen. All diese Figuren sind auf ihre eigene Weise ein wichtiger Bestandteil des Romans und beeinflussen das Geschehen grundlegend. Jeder von ihnen schleicht sich in das Gedächtnis des Lesers und wird sich dort festsetzen, egal, ob man sie nun persönlich leiden kann oder nicht. Francie zum Beispiel war mir mehr als unsympathisch; sie ist das beste Beispiel für eine Nervensäge! Trotzdem würde ich sie nicht aus "Forbidden" streichen wollen, da sie der Grund ist, wieso alles erst ins Rollen kommt. Suzuma wechselt kapitelweise die Sichtweise, aus der die Geschichte erzählt wird. Während alle ungeraden Kapitel sich mit den Gefühlen und Gedanken von Lochan beschäftigen, schildern die geraden Mayas Emotionen und Überlegungen. Auf diese Weise erhält man als Leser den bestmöglichen Einblick in das Innenleben der beiden Protagonisten. Gefühle spielen in "Forbidden" eine enorme Rolle. Die Autorin hat viel Wert darauf gelegt, die Stimmungen der Charaktere so intensiv und authentisch wie nur möglich zu vermitteln. Oftmals sind die Emotionen - besonders die von dem schüchternen Lochan - so stark beschrieben, dass man sie beinahe am eigenen Leibe spürt! Einerseits ist dies ein großer Pluspunkt, denn so entsteht eine enge gefühlsmäßige Verbindung zwischen dem Leser und den Protagonisten. Andererseits kann es durchaus das ein oder andere Mal vorkommen, dass man sich von den Gefühlen geradezu überrannt fühlt. *Cover:* Wunderschön, aber nicht so ausdrucksstark wie das Originalcover. Das Herz aus Stacheldraht könnte die Beziehung von Maya und Lochan nicht besser symbolisieren. Obwohl mir der weiße Hintergrund mit den herunterfallenden Rosenblättern ausgezeichnet gefällt, würde ein eintönig schwarzer wie im Original die Stimmung des Buches besser widerspiegeln können. *Fazit:* Für mich ist "Forbidden" eines der Must-Reads in diesem Jahr. Tabitha Suzuma hat es auf erschreckend authentische Art geschafft, dieses schwierige Thema auf hochemotionale Weise in ihrem Roman zu beschreiben. Ich vergebe sehr gute 4 Sterne!