Spiegelkind

Spiegelkind - Alina Bronsky *Worum geht's?* Als die 15-jährige Juli von der Schule heimkehrt, bietet sich ihr ein Anblick der Verwüstung. Bei ihr Zuhause wurde eingebrochen; die Regale wurden leergefegt, die Schränke ausgeräumt - und ihre Mutter ist verschwunden. Juli kann es nicht fassen, aber niemand scheint sich dafür zu interessieren. Nicht einmal die Polizei stellt Nachforschungen an! In ihrer Verzweiflung ermittelt Juli auf eigene Faust und entdeckt dabei eine Wahrheit, die unglaublich zu sein scheint: Ihre Mutter ist eine Phee, ein Wesen mit einer besonderen Gabe! Doch in einer Gesellschaft voller Normalität ist alles Außergewöhnliche eine potenzielle Gefahrenquelle, die aus dem Weg geräumt werden muss... Was ist ihrer Mutter wirklich passiert? *Kaufgrund:* Auf "Spiegelkind" wurde ich erst durch den Arena-Verlag selbst aufmerksam. Ohne den Klappentext zu kennen, begann ich mein Leseexemplar zu lesen und war sehr gespannt auf Bronskys neuestes Jugendbuch. *Meine Meinung:* Dystopien waren der absolute Renner des Jahres 2011. Ein wahrer Hype ist um die erschreckenden Zukunftsvorstellungen ausgebrochen. Alina Bronsky bringt mit "Spiegelkind" eine weitere Dystopie auf den Büchermarkt, die sich allerdings völlig von allen anderen unterscheidet! Bronsky hat die Grenze zwischen den Genres gebrochen und in ihrem Reihenauftakt eine Zukunftsvision erschaffen, in der auch Magie und "Pheen" (ja, dieser Begriff ist wahrlich ungewöhnlich!) vorkommen. Eine aufregende Idee, die funktioniert! Zumindest thematisch betrachtet... Bronsky entführt uns in eine "vollkommen normale" Welt - im wahrsten Sinne des Wortes. Der Großteil der Menschheit ist "normal", ordnungsfanatisch, vernünftig. Jeder ist darum bemüht, stets das Richtige im Sinne der Gesellschaft zu tun. Alles ist geregelt; es gibt keine Probleme in dieser Welt, die mit ihrer viel zu "normalen" Art eine kalte Atmosphäre hervorruft. Andererseits gibt es die Freaks, die sich gegen diese totale Normalität wehren. Sie unterscheiden sich sowohl äußerlich als auch in ihrem Inneren vom Rest der Gesellschaft, bemühen sich um Individualität und schätzen das Einzigartige. Sie sind dem System zwar ein Dorn im Auge, doch das wahre Problem sind die Pheen. Sie sind magische, unsterbliche Wesen, die außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen und völlig aus der Raster der Normalen herausstechen. Sie genießen weder Ansehen, noch besitzen sie irgendwelche Rechte. Bronsky hat mit diesen drei Personentypen eine ungewöhnliche und begeisternde Mischung erschaffen, die so bisher noch nie aufeinander getroffen ist. In welche dieser Gruppen gehört Juli? Im Laufe des Romans versucht die junge Protagonistin nicht nur, ihre Mutter wiederzufinden. Die Suche nach der eigenen Persönlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil der komplizierten Handlung, über die sich ein mitreißender Spannungsbogen erstreckt. Fragen über Fragen tauchen innerhalb des viel zu kurzen Romans auf, doch von Antworten keine Spur! Dafür umso mehr kreative magische Innovationen, bei denen Leserherzen mit einer phantastischen Vorliebe nahezu dahinschmelzen. Die Inspiro haben es mir dabei besonders angetan! Durch die fehlenden Informationen ist "Spiegelkind" insgesamt leider sehr frustrierend und verwirrend. So gut Bronsky Konzept hinter der Geschichte auch ist - ich kann nur immer wieder betonen, wie fantastisch ich ihre Idee finde! -, ganz überzeugen konnte sie mich nicht. Natürlich muss man beachten, dass es sich hierbei um seinen Serienauftakt handelt. Selbstverständlich bleiben in so einem Fall die verschiedenen Handlungsstränge und Geheimnisse offen und ungeklärt. In "Spiegelkind" ist es jedoch so, dass man absolut keine Informationen erhält. Durch Sätze a la "Juli erfuhr alles über die ..." oder "Xyz antwortete nicht auf Julis Frage" wird man als Leser abgespeist. Zu Beginn des Romans mag dies noch die Neugierde steigern, doch je weiter das Buch voranschreitet, desto mehr Enttäuschung breitet sich aus. Durch das wachsende Unwissen erscheinen einige Handlungen sogar unlogisch, was bedauerlicherweise zur Folge hat, dass man irgendwann nicht mehr weiß, was man von "Spiegelkind" halten soll. Juli ist eine sympathische Protagonistin, die uns die Geschichte aus ihrem Blickwinkel erzählt. In ihrem jungen Leben war sie stets eine löbliche Vorzeigetochter und Einser-Schülerin. Durch die Scheidung ihrer Eltern und die damit verbundenen Probleme bekam ihr glattes, perfektes Leben einen Riss, den sie zu übersehen versuchte. Doch mit dem plötzlichen Verschwinden ihrer Mutter brach es endgültig in zwei Hälften, die nicht mehr miteinander vereinbar zu sein scheinen. Ab der ersten Seite vollzieht Juli eine drastische, an einigen Stellen zu rasante Entwicklung, vor der man den Hut ziehen muss. Um als Fünfzehnjährige solch schwerwiegenden Entscheidungen zu treffen, muss man große Charakterstärke besitzen! Bronsky lässt uns an Julis Werdegang emotional teilhaben, lässt uns dafür aber was Informationen betrifft ärgerlicherweise außen vor. Mit den Nebencharaktern verhält es sich ähnlich wie mit dem Rest des Buches. Jeder von ihnen ist in seinen Grundzügen eine beachtenswerte und interessante Figur, die es verdient hätte, näher beleuchtet zu werden. Mit ihren individuellen und außergewöhnlichen Persönlichkeiten, die bereits in den "Kennenlern"-Kapiteln herausstechen, können sie mühelos einen hervorragenden ersten Eindruck hinterlassen. Leider belässt es Bronsky bei diesen großartigen Ansätzen. Sie erweckt wieder einmal den Eindruck, als würde sie mit Absicht bloß an der Oberfläche ihrer Charaktere kratzen. Der Schreibstil der Autorin ist so flüssig und locker, dass ein starker Lesefluss quasi vorprogrammiert ist. Man vergisst während des Lesens beinahe die Zeit und ehe man sich versieht, sind die 300 Seiten bereits ausgelesen. Auch wenn ich im Nachhinein einiges zu bemängeln hatte, hat es mir viel Spaß gemacht, "Spiegelkind" zu lesen. Bronsky weiß eben, wie man Leser an ein Buch fesselt! Zu guter Letzt möchte ich nochmal ausdrücklich erwähnen, dass es "Spiegelkind" verdient hat, gelesen zu werden. Allerdings handelt es sich hierbei um ein besonderes Buch, und dieser Punkt sollte jedem Leser bewusst sein. Bronsky wollte keinen amüsanten Roman für Zwischendurch schreiben, sondern einen tiefgründige Geschichte verfassen, die sich auf ganz besondere Art und Weise mit der schwierigen Situation von Scheidungskindern beschäftigt. Metaphorisch hat die Autorin beschrieben, wie kompliziert es für Kinder ist, zwischen zwei verschiedenen Welten leben zu müssen, die nicht mehr miteinander zu vereinen sind. Wer also zwischen den Zeilen lesen kann, wird an "Spiegelkind" große Freude haben. *Cover:* Die Endfassung des Covers gibt dem Buch bereits auf den ersten Blick eine magische Atmosphäre. Das harmonische Farbenspiel und die wunderschönen Verzierungen wirken wie ein mystischer Wald und laden herzlich zum Lesen ein. Wer kann da schon ablehnen? *Fazit:* "Spiegelkind" ist ein Auftakt, der mich mit gemischten Gefühlen zurücklässt. Nur wer die Hintergedanken der Autorin kennt, wird in den vollen Genuss des Romans kommen, seine Tiefgründigkeit verstehen können. Alle anderen werden einen ungewöhnlichen Fantasyroman in "Spiegelkind" sehen, der einen durch zu viele ungelöste Rätsel eher unsicher als neugierig zurücklässt. Nach vielen Überlegungen vergebe ich insgesamt sehr knappe 4 Sterne.