Göttlich verloren

Göttlich verloren (Göttlich, #2) - Josephine Angelini, Simone Wiemken *Worum geht's?* Die Lage zwischen Helen und Lucas spitzt sich mehr und mehr zu, denn beide wissen, dass sie ihre verbotene Liebe zueinander niemals leben dürfen. Zudem macht Helen ihre Rolle als Deszender von Tag zu Tag verletzlicher. Nur sie ist dazu in der Lage, den Fluch der Furien endlich zu brechen. Dafür muss sie in die Unterwelt reisen - und das jedes Mal, sobald sie schläft. Die ruhelosen Nächte und der Glaube, Lucas für immer verloren zu haben, nagen so sehr an ihren Kräften, dass sie stetig schwächer wird. Das merken sowohl der mysteriöse Orion, der Helen in der Unterwelt unterstützt, als auch der Feind, der noch beobachtend in den Schatten verweilt... *Kaufgrund:* "Göttlich verdammt", Josephine Angelinis Trilogieauftakt, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Kein Wunder also, dass ich zusammen mit vielen anderen Fans sehnsüchtig auf Teil zwei gewartet habe. *Meine Meinung:* Bedrohlich, brutal und blutig. Bereits in "Göttlich verdammt" waren die aktionsgeladenen Kämpfe nicht von schlechten Eltern. Doch was uns Josephine Angelini im zweiten Band der "Göttlich"-Trilogie bietet, ist damit nicht zu vergleichen und lässt alles bisherige verblassen: Angelini scheint beim Schreiben ihres Romans ebenso von den blutgierigen Furien angestachelt worden zu sein wie die kämpfenden Charaktere, denn sie schildert die grausamen Momente so ausführlich, dass sanfte Gemüter sicherlich das ein oder andere Mal schlucken werden müssen. Aber nicht nur die Kämpfe sind brutaler geworden; wenn Helen in die Unterwelt reist, stößt sie sowohl körperlich als auch seelisch an ihre Grenzen. Und auch an hartgesottenen Lesern werden diese Szenen nicht ohne weiteres vorbeiziehen. Spätestens der Moment, indem sich ein Charakter aus Verzweiflung einen Dorn in das eigene Auge rammt, lässt jedem das Blut in den Adern gefrieren... So fürchterlich und bösartig dies klingt, müssten Spannung und Nervenkitzel doch vorprogrammiert sein. Falsch gedacht! Leider gelingt es Angelini nicht auf Anhieb, eine ausgewogene Balance zwischen brutaler und ruhiger Handlung zu schaffen. So häufen sich zu Beginn Helens blutige Unterweltausflüge in einem solchen Ausmaß an, dass man schon bald von ihnen gelangweilt ist. Schnell erkennt man ein immer wiederkehrendes Schema, das den Szenen trotz der expliziten Beschreibungen der Autorin die Spannung nimmt. Versprach sie während der ersten Male noch puren Nervenkitzel, wird die Unterwelt mehr und mehr zu einem eintönigen, farblosen Ort, der die Geschichte zäh werden lässt. Man verspürt kaum noch Lust, weiter zu lesen - man weiß sowieso, was Helen in der Unterwelt erleben wird. Erst als Orion ins Geschehen tritt, wird es im Hades wieder aufregend - zum Glück lässt der attraktive Göttersohn nicht allzu lange auf sich warten! Der langatmige Part in "Göttlich verdammt" ist also relativ schnell überwunden, und nachdem Orion wieder Schwung in die Geschichte gebracht hat, ist der Unmut ohnehin vergessen. Man ist nicht länger genervt von Helens Ausflügen in die Unterwelt; im Gegenteil: Man ist gespannt darauf, was sie dort erleben wird, welchen Prüfung sie sich stellen muss und was sie über ihre Rolle als Deszender in Erfahrung bringt (okay, zugegeben: auf Orion freut man sich auch ein wenig!). Die Unterwelt mag einen schlechten Start gehabt haben, doch in der "normalen" Welt liefert die Autorin genau das ab, was man von ihr lesen will: eine dramatische, mitreißende Geschichte! Angelini versteht es, ihre Leser an der Nase herumzuführen. Lange lässt sie einen mit den Figuren miträtseln und nach einer Lösung für Helens Deszender-Problem suchen. Kaum glaubt man, sie gefunden zu haben, merkt man jedoch, dass Josephine Angelini einige Überraschungen in peto hat. Und ehe man sich versieht, hat die vermeintliche Lösung ein noch größeres Chaos hervorgerufen. Sobald das anfängliche Unbehagen mit der Unterwelt beseitigt ist, entwickelt sich der zweite Band der Trilogie zu einem aufregenden Pageturner, den man nicht mehr aus den Händen legen will. Helen und Lucas bleiben das Protagonistenpärchen, um das sich die Geschichte dreht. Nachdem die beiden Verliebten im ersten Band ihre Blutschuld beglichen haben und nun nicht mehr von den Furien dazu gebracht werden, einander ermorden zu wollen, können sie endlich an der Seite des anderen sein - als Freunde. Denn Helen und Lucas sind blutsverwandt und dürfen ihrer verbotenen Liebe niemals eine Chance geben. Schließlich hat die Mythologie genügend Beweise für unheilvolle Schicksalswendungen, die durch inzestuöse Verbindungen entstehen. Beide wissen es, doch ihre Gefühle lassen sich weder abschalten noch kontrollieren - sie treiben Helen und Lucas beinahe in den Wahnsinn! Josephine Angelini bietet uns hier puren Herzschmerz, bei dem man absolut mitleidet. Durch die Gegebenheiten kommen die Liebesszenen zwischen den beiden Protagonisten selbstverständlich viel zu kurz. Die Autorin versucht trotzdem, einige romantische Momente in die Geschichte einzubauen. Schwuppdiwupp, schon ist auch die "Göttlich"-Trilogie vom genretypischen Liebesdreieck befallen. Obwohl solche Liebesgeschichten mit vielen Klischees und Vorurteilen behaftet sind, hat Angelini ihre eigene ohne schnulzige, kitschige Zwischenfälle authentisch in den Roman einfließen lassen. Die Nebencharaktere spielen in "Göttlich verloren" eine große Rolle. Obwohl Josephine Angelini so viele verschiedene Figuren in ihr Buch eingebaut hat, lässt sie niemanden zu kurz kommen: Jeder von ihnen bestimmt den Handlungsverlauf entscheidend mit, zeigt neue Facetten seiner Persönlichkeit und entwickelt sich weiter - sowohl zum positiven, als auch zum negativen. Einige wachsen, einige zerbrechen an den Geschehnissen. Ob so oder so, sie wachsen einem immer stärker ans Herz! Ich kann bloß wiederholen, was ich bereits in meiner Rezension zu "Göttlich verdammt" schrieb: Am liebsten würde ich eigene Romane über sie alle lesen! Wie bereits beim ersten Band, erkennt man auch in "Göttlich verloren" - besonders zu Beginn - leichte Parallelen zu anderen Buchreihen. Doch im Gegensatz zu anderen Serien kommt hier kein "Das habe ich doch schon einmal gelesen"-Gefühl auf, das einen missmutig den Kopf schütteln lässt. Niemand kann das Genre neu erfinden, doch Angelini gelingt es, die Ähnlichkeiten geschickt zu kaschieren, indem sie ihre Geschichte so eng wie nur möglich mit der Mythologie verknüpft. Wen stören schon ähnliche Abläufe, wenn es der Autorin trotzdem gelingt, uns zu begeistern, zu überraschen und mitfiebern zu lassen? Was ich mir bereits im ersten Band gewünscht habe, wurde im zweiten tatsächlich realisiert: eine Bedeutungs- und Personenübersicht, die sich auf den letzten Seiten des Romans befindet! Diese war auch bitter nötig, um den Überblick über die vielen Charaktere zu behalten. Götter, Halbgötter, Scions, Menschen und sonstige Kreaturen - in "Göttlich verloren" braucht man schon ein sehr gutes Gedächtnis, um jedem Namen eine Person zuordnen zu können! Die Übersicht hilft zudem ungemein, nach einer langen Lesepause zwischen den zwei Teilen wieder in das Geschehen hineinzufinden. Josephine Angelini spart sich eine Wiederholungsphase zu Beginn ihres zweiten Romans, sodass man an einigen Stellen durchaus ins Stocken geraten kann: Was hat es nochmal mit den vier Häusern auf sich? Wer ist wer, wie stehen die Figuren zueinander und zu welchem Haus gehören sie noch gleich? Ein kleiner Blick in das Verzeichnis und schon wird das Gedächtnis aufgefrischt. Doch Vorsicht: Auch die neuen Figuren sind dort aufgelistet! Wer seine eigene Neugierde nicht unter Kontrolle hat, kann sich hier ganz leicht selbst spoilern. *Cover:* Das Cover passt sich dem Vorgänger an, kann mich jedoch trotzdem nicht überzeugen. Wie bereits bei "Göttlich verdammt" sind sowohl die Farben als auch die Verzierungen super, aber das Mädchengesicht ist einfallslos und sticht aus der breiten Masse nicht hervor. *Fazit:* Mit "Göttlich verloren" gelingt Autorin Josephine Angelini ein ordentlicher zweiter Teil der "Göttlich"-Trilogie. Tolle Charaktere, eine dramatische Handlung und eine große Portion Mythologie sorgen wieder einmal für einen gelungenen Lesespaß! Leider muss man sich erst durch einen zähen Anfang beißen, ehe man in den vollen Pageturner-Genuss kommen darf. Für "Göttlich verloren" gibt es halbgöttliche 4 Sterne.