Schaurig-schön!

Herbst - Hubertus Rufledt, Helge Vogt

*Worum geht's?*
Alisik ist tot. Als sie eines Tages ohne Erinnerungen an ihr Leben auf einem Friedhof zu sich kommt und auf ihren eigenen Grabstein blickt, wird ihr diese Tatsache schmerzhaft bewusst. In ihrer seltsamen Situation ist sie jedoch nicht allein. Eine Gruppe skurriler Gestalten nimmt Alisik auf und erklärt ihr, dass sie zu einer von ihnen geworden ist: einer Postmortalen, die zwar gestorben, aber noch nicht dazu bereit ist, ins Reich der Toten überzugehen. Für Alisik ist klar: Sie muss mehr über ihr vergangenes Leben und ihren Tod herausfinden, denn auf natürliche Weise ist sie sicher nicht gestorben! Unterstützung bekommt Alisik vor allem von Ruben, einem blinden Jungen, der sie wahrnehmen kann. Er gibt ihr Halt und weckt in Alisik Gefühle, die absolut nicht zu ihrem toten Dasein passen wollen. Aber eine Tote und ein Blinder - kann das überhaupt funktionieren?

*Meine Meinung:*
Mit "Herbst" starten Hubertus Rufledt und sein Co-Autor und Zeichner Helge Vogt die neue, schaurig-schöne Comicreihe "Alisik". Vier Bände sind für die Geschichte der gleichnamigen Protagonistin geplant, die hinter das Geheimnis ihres eigenen Todes kommen will und sich dabei in einen blinden Jungen verliebt, der sie zwar nicht sehen, aber trotzdem wahrnehmen kann. Man findet sich schnell in der Geschichte zurecht, auch wenn bereits auf den ersten Seiten viele Fragen aufgeworfen und Geheimnisse angesprochen werden, die in diesem Teil noch nicht geklärt werden. "Herbst" liest sich eben wie Auftakt: Das Interesse wird geweckt, man wird neugierig, liest schneller und will unbedingt mehr erfahren, da ist die letzte Seite auch schon erreicht!
Wer den Comic aufmerksam liest, wird leider auf ein paar Ungereimtheiten und Logikfehler in der Handlung stoßen. Diese kratzen das runde Gesamtbild der Geschichte zwar an, stören den Lesespaß aber kaum.

Protagonistin Alisik ist ein junges Mädchen, das viel zu früh gestorben ist - und das sicher nicht auf natürliche Weise! Als wäre es nicht schon schwer genug, sich plötzlich in einem "Leben" als Postmortale zurechtfinden zu müssen, lastet auch noch die Ungewissheit ihres eigenen Todes auf ihren Schultern, denn Alisik hat jegliche Erinnerungen verloren. Sie ist jedoch kein Charakter, der in schwierigen Situationen den Kopf in den Sand steckt! Alisik ist ein zartes und liebenswertes Mädchen, das zugleich mit ihrem Mut und ihrer Stärke überraschen kann.

In "Herbst" lernt man vor allem die verschiedenen Figuren kennen, die einen weiterhin durch die Reihe begleiten werden. Der Fokus liegt dabei auf den Postmortalen, die gemeinsam mit Alisik auf dem Friedhof hausen und darauf warten, endlich ins Reich der Toten übergehen zu können und von ihrem Dasein in der Zwischenwelt erlöst zu werden. Diese skurrilen Herrschaften sehen nicht nur auf tote Art und Weise sympathisch aus, sie sind es auch! Ich habe die liebenswürdigen Postmortalen schon nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen; allen voran natürlich die zauberhafte alte Dame Ottilie, die zwar äußerst schaurig aussieht, aber ein Herz aus Gold besitzt.

Zwischen der toten Alisik und dem blinden Ruben bahnt sich eine Liebesgeschichte an, die das Potenzial dazu hat, auch Leserherzen zum Schmelzen zu bringen. Beide Figuren sind so niedlich, dass man sie am liebsten einander in die Arme schubsen würde! Im ersten Band verläuft die Liebesgeschichte allerdings noch sehr zaghaft und zurückhaltend, sodass man die Funken (noch) nicht sprühen sehen kann. Alisik und Ruben tasten sich einander langsam an, ohne sofort von der großen Liebe zu sprechen - und das gefällt!

Helge Vogt hat einen ganz eigenen Zeichenstil, der perfekt zu Alisiks Geschichte passt. Seine Bilder haben etwas Düsteres an sich; alles wirkt sehr obskur und mysteriös, beinahe schon ein wenig gruselig. Dennoch ist an "Alisik" nichts zu fürchten! Vogt hat auch viele süße Elemente in die verschiedenen Szenen gezeichnet. So hat er eine Atmosphäre geschaffen, die genau das halten kann, was man sich von einer "Dark-Romance-Mystery-Serie" verspricht.

Was jedoch beim ersten Aufschlagen sofort negativ auffällt, ist der starke Farbgeruch, mit dem die Seiten des Comics belastet sind. Der unangenehme Duft ist zwar kein Genuss für die Nase, aber dafür sind die Farben definitiv ein Augenschmaus! Trotz der düsteren Farbpalette strahlen die einzelnen Seiten. Farbschlieren, Abreibungen oder schiefe Bilder, wie es bei manchen Comics vorkommt, gibt es hier nicht. Für so ein tolles Druckergebnis zu einem solch kleinen Preis kann man den Makel auf jeden Fall verschmerzen.

*Cover:*
Wer könnte die Serie auf dem Cover besser repräsentieren als Alisik selbst? Das Bild von ihr vor ihrem Grab, das auch im Comic selbst eine wichtige Rolle spielt, ist ein echter Hingucker!

*Fazit:*
"Alisik: Herbst" von Hubertus Rufledt und Helge Vogt ist der Auftakt zu einer vierteiligen Comicreihe, die mit einem vielversprechenden ersten Band überzeugen kann. Das Autorenduo hat sich eine schaurig-schöne Geschichte mit bizarren, aber liebenswürdigen Charakteren ausgedacht, in die man sich einfach verlieben muss. Der unangenehme Geruch des Comics und kleine Ungereimtheiten in der Handlung schmälern den Lesespaß zwar ein wenig, aber die Sehnsucht nach der Fortsetzung nach der letzten Seite ist trotzdem riesig! Eine klare Empfehlung für alle Comic-Fans und jene Leser, die gerne zu düsteren und skurrilen Liebesgeschichten greifen. Für "Alisik: Herbst" vergebe ich verdiente 4 Sterne.