Rezension: "Breathe - Gefangen unter Glas" [German Review]

Breathe - Sarah Crossan

*Worum geht's?*
Seit dem "Switch" ist das Leben auf der Erde kaum noch möglich. Die Welt ist eine triste Einöde geworden, es wachsen keine Pflanzen mehr und der Sauerstoff fehlt. Die letzten Überlebenden der Menschheit haben sich unter einer Kuppel zusammengeschlossen, die sie von der toten Umwelt abgrenzt. Sie haben eine Möglichkeit gefunden, eigenen Sauerstoff herzustellen, doch auch der ist rar. Atmen ist schon lange kein Grundrecht mehr, sondern ein Privileg, das den reichen und bedeutenden Persönlichkeiten der Gesellschaft gehört. Während sich Quinn, einer der Premiums, also niemals um Sauerstoff sorgen muss, weiß seine beste Freundin Bea, eine Second, sehr wohl, was es bedeutet, wenn die Luft knapp wird. Als Bea durch eine entscheidende Prüfung fällt, die sie und ihre Familie aus der Armut hätte befreien können, beschließt Quinn, sie mit auf einen Ausflug außerhalb der Kuppel zu nehmen. Bea kann ihr Glück kaum fassen und nimmt sich fest vor, diese Gelegenheit zu nutzen, um Quinn endlich näher zu kommen. Doch dann kommt ihr Alina in die Quere, das Mädchen, das Quinn seit kurzer Zeit den Kopf verdreht. Zu dritt verlassen sie die Kuppel - und stürzen sich damit in ein gefährliches Abenteuer. Denn Alina ist kein gewöhnliches Mädchen, sondern eine Rebellin, die die Welt wieder bepflanzen will. Als Bea und Quinn von ihr die Wahrheit über die Kuppel erfahren, müssen sie eine Entscheidung treffen: Lassen sie sich für den Sauerstoff weiter belügen - oder kämpfen sie für das Leben?

*Kaufgrund:*
"Breathe - Gefangen unter Glas" habe ich bei einer Blogger-Aktion des dtv-Verlags gewonnen. Der Klappentext hatte mich bereits vorher sehr neugierig gemacht. Umso größer war die Freude, als mich die Gewinnbenachrichtigung erreichte!

*Meine Meinung:*
Mit "Breathe - Gefangen unter Glas" startet Autorin Sarah Crossan eine neue Trilogie im Genre der Dystopien. Die Ideen, die Crossan in ihren Auftakt einbaut, sind keinesfalls neu. Von Klassengesellschaften, rücksichtslosen und intriganten Obrigkeiten, Ausgestoßenen und Menschen zweiter Klasse, die nur mit Müh' und Not in der Gesellschaft überleben können, liest man in fast jeder Dystopie und auch die Idee mit der Kuppel, unter der ein Leben überhaupt erst möglich ist, kennt man bereits aus anderen Romanen. Wer also auf der Suche nach einer innovativen Dystopie ist, der wird mit dem Auftakt der "Breathe"-Trilogie wohl nicht recht glücklich werden.

Womit "Breathe - Gefangen unter Glas" allerdings mehr als begeistern kann, ist die großartige Umsetzung der bekannten Ideen. Sarah Crossan hat sich viele Gedanken gemacht, ehe sie mit dem Schreiben begann, und das spürt man in jedem Kapitel. Die Welt, die sie erschaffen hat, das künstliche Leben unter der Kuppel und die tote Ödnis außerhalb des Glases sind strukturiert, komplex aufgebaut und logisch durchdacht. Die Autorin stellt ihre Leser nicht einfach vor vollendeten, nicht schlüssigen Tatsachen, sondern erklärt ausführlich, wie es zu dieser schrecklichen Zukunft kommen konnte und wie sie funktioniert. Damit trifft sie genau den Nerv der heutigen Generation, denn alles, was wir in unserer Gegenwart bewusst falsch machen, hat in "Breathe - Gefangen unter Glas" zu einer trostlosen, beinahe unbewohnbaren Welt geführt, in der es kaum noch Pflanzen gibt und Sauerstoff zu einem teuren Gut geworden ist. Einige kleine Ungereimtheiten - oder nennen wir sie lieber Unklarheiten - tauchen in Crossans Welt zwar auf, aber ich bin mir sicher, dass die Autorin uns in der Fortsetzung noch weitere Informationen liefern wird.

Die Geschichte, die ab der ersten Seite ein zügiges Erzähltempo an den Tag legt, wirft die Leser zunächst ins kalte Wasser. Man wird Zeuge eines aufregenden Auftrags, der einem sofort Luft auf Mehr macht und einen an die Seiten fesselt. Was steckt hinter den Ereignissen? Was geht hier vor? Und wie werden sich die Dinge entwickeln? Mit solchen Fragen verführt Crossan ihre Leser, weiter zu schmökern und völlig in die fremde Welt einzutauchen - bis man entweder auf der letzten Seite angekommen ist oder die persönlichen Pflichten einen dazu zwingen, eine Lesepause einzulegen.

Der Roman ist in fünf große Abschnitte unterteilt, die jeweils einen wichtigen Part in der Handlung kennzeichnen. Mit ihren Überschriften geben sie Hinweise darauf, was einen auf den nächsten Seiten erwarten wird, ohne dabei zu viel zu verraten. Viel mehr wirkt es so, als wären sie bittersüße Leckerbissen, die einem einen Vorgeschmack auf die Entwicklung der Ereignisse bieten sollen. Als Leser schnappt man begierig nach dem Köder und freut sich auf die gelungene Mischung aus Spannung und Nervenkitzel.

"Breathe - Gefangen unter Glas" wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Jeder der drei Protagonisten - Alina, Bea und Quinn - schildert die Geschehnisse aus seiner Sicht der Dinge und erlauben dabei nicht nur tiefe Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle, sondern auch in die Dystopie und ihre Begebenheiten selbst. Denn jeder der drei Hauptcharaktere repräsentiert einen anderen Teil der Gesellschaft und zeigt, wie unterschiedlich das Leben unter ein und der selben Kuppel doch sein kann. Sarah Crossan wechselt die Erzählperspektive mit jedem Kapitel und schenkt jedem ihrer Protagonisten etwa die gleiche Aufmerksamkeit.

Alina ist die erste unter den drei Hauptcharakteren, die man kennenlernt. Sie lebt zwar als Second, also als Mensch zweiter Klasse, aber in Wahrheit ist dieses Leben nur Schein. Denn Alina ist eine Rebellin und gehört zu einer Gruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, der Kuppel zu entfliehen und die Welt neu zu bepflanzen. Obwohl ihre Absichten von Grund auf gut sind, kann man zu Beginn nur schwer mit der toughen Kämpferin sympathisieren, denn Alina ist sehr kühl, verschlossen und berechnend. Das Einzige, was für die zu zählen scheint, ist der Erfolg ihrer Gruppe - und der Zweck heiligt schließlich die Mittel. Im Verlauf der Geschichte taut Alina jedoch immer mehr auf und wächst einem damit sogar richtig ans Herz! Von den drei verschiedenen Hauptcharakteren kristallisiert sich Alina mit ihrer kantigen Persönlichkeit sehr schnell als Favoriten heraus.

Bea ist die zweite Protagonistin des Romans und im Gegensatz zu Alina ein braves, stilles und ehrliches Mädchen. Sie ist ebenfalls eine Second, versucht aber alles, um zu einer Premium aufzusteigen und ihrer Familie damit ein besseres Leben bieten zu können. Die zurückhaltende Bea hat man auf Anhieb gern. Sie ist der stille, sichere Anker des Trios, der in turbulenten Momenten einen kühlen Kopf bewahrt und nach einer Lösung sucht. Stets ist sie darum bemüht, das Richtige zu tun - aber was das ist, muss Bea im Verlauf der Geschichte erst herausfinden. Die Welt, in der sie aufgewachsen ist, ist nicht die, für die sie sie immer gehalten hat. Aber statt den Boden unter den Füßen zu verlieren, wächst Bea an ihren neuen Erkenntnissen. Bea ist ein rundum liebenswerter Charakter, doch wenn es um ihre Gefühle geht, verliert selbst das schlaue Mädchen den Verstand...

Der einzige Mann im Trio ist Quinn. Sein Vater ist ein hohes Tier in der Organisation "BREATHE", die für den Sauerstoff verantwortlich ist. Deshalb gehört er zu der obersten Schicht der Gesellschaft: den Premiums. Im Gegensatz zu seiner besten Freundin Bea weiß Quinn nicht, was es bedeutet, in Armut zu leben oder an Sauerstoffmangel zu leiden. Sein privilegiertes Leben hat ihn zwar nicht zu einem Snob gemacht, aber irgendwie merkt man ihm schon an, dass er als Premium ganz anders ist als die Seconds. Er lebt sein Leben so, wie er es will, und konzentriert sich dabei lediglich auf das, was ihm interessant erscheint. Er hegt eine Vorliebe für das Unbekannte und Fremde und verguckt sich bei ihrer ersten Begegnung in Alina, die genau das für ihn repräsentiert. Ich persönlich konnte Quinn nicht viel abgewinnen. Die Art, wie er Alina wie ein braver Schoßhund hinterherdackelt, hat ihn in meinen Augen eher wie einen unreifen und oberflächlichen Idioten als einen mutigen Protagonisten wirken lassen. Auch seine Entwicklung konnte mich kaum vom Gegenteil überzeugen.

Kein Wunder also, dass mir die Liebesgeschichte in "Breathe - Gefangen unter Glas" ebenfalls nicht zusagen wollte. Die komplizierte Dreiecksbeziehung - Mädchen liebt Jungen, der aber ein anderes Mädchen liebt, das jedoch gar nichts von ihm wissen will - verläuft ganz nach dem üblichen Schema und hat zu Beginn der Geschichte sogar ein wenig genervt. Das lag allerdings eher an Quinn als an der Liebesgeschichte an sich. Der emotionale Part der Romans spielt sich ruhig und eher nebensächlich im Hintergrund des Geschehens ab. Sarah Crossan hat in ihrem Trilogieauftakt ganz klar den Fokus auf die Geschichte und nicht auf die Emotionen der Figuren gelegt. Deshalb bekam ich gar nicht richtig die Gelegenheit, mich über Quinns Gefühle aufregen zu müssen. Ich hoffe allerdings sehr, dass ich mich im zweiten Band der "Breathe"-Reihe besser mit ihm verstehen werde...

Sarah Crossans Schreibstil ist sehr jugendlich. Sie nutzt viele junge und freche Ausdrücke und legt ihren Charakteren damit genau die Worte in den Mund, die sie authentisch wirken lassen; schließlich würde man genau das von ihnen erwarten! Zu Beginn wirkt die jugendliche Sprache in der beengenden Dystopie noch etwas fehl am Platz, aber dieses Gefühl legt sich sehr schnell, sodass man sich rasch und ohne Probleme von dem flüssigen Schreibstil mitreißen lassen kann.

*Cover:*
Der Schriftzug, die Farben, der Stil - im Großen und Ganzen ist das Cover ein echter Blickfang, der schnell interessierte Blicke auf sich ziehen kann. Mir persönlich gefällt die Umsetzung mit dem Pärchen auf dem Cover allerdings nicht besonders.

*Fazit:*
"Breathe - Gefangen unter Glas" von Sarah Crossan ist ein gelungener Trilogieauftakt, der zwar nicht mit innovativen Ideen, dafür aber einer großartigen Umsetzung der typischen Dystopie-Elemente überzeugen kann. Die Autorin hat ihre komplexe Welt mit Herzblut geschrieben und mit jedem Satz, den man liest, spürt man ein wenig mehr, wie ihre Begeisterung sich auf einen selbst überträgt. Die spannende Handlung fesselt, packt, reißt mit! Bloß mit Quinn, dem einzigen "Mann" im Protagonistentrio, und der Liebesgeschichte wurde ich nicht richtig warm. Für "Breathe - Gefangen unter Glas" vergebe ich gute 4 Sterne.