Mercy, Band 1: Gefangen

Gefangen (Mercy #1) - Rebecca Lim *Worum geht's?* Sie weiß nicht, wer sie ist, was sie ist und welche Kräfte in ihr schlummern. Nur eine Sache weiß sie gewiss: Sie schlüpft in Körper verschiedener Mädchen, die Hilfe benötigen, und übernimmt die Kontrolle, bis es wieder an der Zeit ist, eine neue "Gastgeberin" zu finden. Sie nennt sich Mercy. Diesmal findet sich Mercy im Körper der jungen Sopranistin Carmen wieder, einem begabten und schüchternen Gesangstalent. Zusammen mit ihrem Chor soll sie an einem Konzert teilnehmen. Dafür reist sie in die Kleinstadt Paradise und kommt bei Familie Daley unter, deren Tochter Lauren vor einiger Zeit verschwunden ist. Die Eltern sind am Boden zerstört; hoffnungslos und voller Trauer bringen sie die Tage hinter sich. Bloß Ryan, Laurens Zwillingsbruder, gibt nicht auf und glaubt noch immer fest daran, dass Lauren lebt. Auch Mercy spürt, dass der Fall noch nicht abgeschlossen ist. Sie will Ryan bei seiner Suche helfen - und kommt der Wahrheit über sich selbst immer näher. *Kaufgrund:* "Mercy: Gefangen" habe ich erst durch den Verlag selbst entdeckt. Cover, Aufmachung und die große Promo-Aktion machten mich neugierig auf den Serienauftakt. *Meine Meinung:* "Mercy: Gefangen" ist der erste Teil einer geplanten Tetralogie, die ich maßlos unterschätzt habe. Wenn ich es nicht selbst gelesen hätte, hätte ich niemals glauben können, dass in knapp 250 Seiten so eine grandiose und komplexe Geschichte steckt. Lims gelungener Mix aus Fantasy und Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite "gefangen" genommen, ohne mich zu enttäuschen. Der Hauptteil der Geschichte dreht sich um Laurens Verschwinden. Zusammen mit Ryan geht Mercy einer Reihe von Hinweisen nach, um der Wahrheit endlich auf die Spur zu kommen. Rebecca Lim bringt uns dabei zum Mitraten und Mitfiebern; beinahe hätte ich mich selbst mit einer großen Lupe vor der Nase in der Geschichte gesehen. Welcher Hinweis läuft nun ins Leere, welcher verrät uns zum wahren Täter? Die Autorin führt uns Leser während der gesamten Suche geschickt an der Nase herum, baut viele unterschwellige Anhaltspunkte ein. Mit dem Serienauftakt endet auch der Hauptteil der Geschichte, sodass man sich auf jeden Fall auf eine grandiose Auflösung des Kriminalfalls freuen kann. Ab und zu gönnt uns Rebecca Lim eine kleine Verschnaufpause vom spannenden und aufregenden Handlungsstrang um Laurens Verschwinden und wendet sich Carmens Geschichte zu. Mercys "Gastgeberin" im ersten Teil der Reihe ist ein Gesangstalent, das für die großen Bühnen der Welt bestimmt ist - wenn sie nicht so schüchtern wäre. Auch hier weiß die Protagonistin zu helfen und unterstützt Carmens Selbstbewusstsein, wo sie nur kann. So erholsam dieser ruhige Teil der Handlung auch ist, an einigen Stellen sind die ständigen Chorproben zu lang und ausgiebig behandelt worden. Die versprochene "Liebesgeschichte" entwickelt sich sehr zaghaft und ruhig. Sie steht nicht im Vordergrund der Geschichte, sondern wächst sanft im Hintergrund heran. Mercy und Ryan finden zwar recht schnell gefallen aneinander, wissen aber, dass sie sich nicht mit Liebesdingen beschäftigen können, solange der "Fall Lauren" noch nicht abgeschlossen ist. Im Grunde kann noch nicht einmal von einer Liebesbeziehung gesprochen werden; es ist ein stilles, dennoch emotionales Herantasten der Charaktere, das mir sehr gut gefallen hat. Es scheint sich auch in der "Mercy"-Reihe eine typische Dreiecksgeschichte anzubahnen. Noch bin ich mir nicht sicher, ob ich ein "leider" zu dem Satz hinzufügen soll oder nicht. Wir dürfen also gespannt sein, was die Autorin für uns noch bereit hält. Mercys Geheimnis, ihr wahres Ich, ihre Kräfte und ihre Herkunft werden im ersten Band der Reihe noch nicht verraten. Durch einige mystische Einschübe, die Lim in die spannende Geschichte einfließen lässt, können wir uns bereits etwas zusammenreimen, aber konkrete Informationen gibt es nicht! Die Autorin hat ein wahres Talent dafür, die Neugier ihrer Leser bei Laune zu halten. Nicht nur nach der letzten Seite, sondern auch während des Lesens hat es mir permanent in den Fingern gekribbelt. Ich wollte und will noch immer wissen, wie es weitergeht! Her mit Band zwei! Durch die wenigen Informationen, die man als Leser erhält, bleibt Protagonistin Mercy ein geheimnisvoller und rätselhafter Charakter. Sie erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht, wodurch man einige Mal in den Genuss ihrer Kräfte kommen darf. Nicht nur, dass sie in andere Körper schlüpfen kann ("Souljacking", wie sie es nennt), sie kann zudem durch eine bloße Berührung in die Seele anderer schauen, ihre Gedanken lesen und ihre Vergangenheit erleben. Aber warum kann Mercy das? Was ist sie? Wer ist sie? Die Unklarheit über sich selbst macht Mercy spürbar zu schaffen. Beirren lässt sie sich davon allerdings nicht! Sie hat ihr Ziel stets vor Augen und lässt sich durch nichts und niemanden von ihrem Weg abbringen. Mercy ist eben eine wahre Kämpfernatur; kein "Girly Girl", sondern eine schroffe, nüchterne und ruppige Protagonistin. Lim bringt Mercys Charakter in ihrem trockenen, nachdrücklichen Schreibstil gut zur Geltung. Ryan hat mich als Figur restlos begeistert. Er ist der einzige in seiner Familie, der noch an seine Schwester glaubt, und er leidet sehr darunter. Seine Verzweiflung hat aus ihm einen stillen und verschlossenen Charakter gemacht, der sich vor anderen zurückzieht und die Einsamkeit sucht. Erst durch Mercy beginnt Ryan, aufzutauen. Es tut ihm gut, endlich jemanden gefunden zu haben, der mit ihm an Laurens Überleben glaubt. Ryan bringt mit seiner Art sicherlich keine Herzen zum Schmelzen - zumindest noch nicht im ersten Band der Serie -, dafür kann er umso stärker mit Authentizität überzeugen. Es ist unglaublich, wie realistisch der verzweifelte, leidende junge Mann der Autorin gelungen ist. *Cover:* Ja, ein Mädchengesicht. Nicht besonders innovativ. Trotzdem haben die Grafiker durch Glitzereffekte im Auge einen echten Hingucker aus dem Cover gemacht. Man kann sich gut vorstellen, dass es Mercy ist, die die Seele des Betrachters eindringlich analysiert. *Fazit:* Rebecca Lim ist mit "Mercy: Gefangen" ein gelungener Mix aus Thriller und Fantasy gelungen, der definitiv Lust auf mehr macht. Bleibt zu hoffen, dass uns die Autorin im nächsten Band mit etwas mehr Informationen über Mercys Geheimnis versorgt! Für diesen tollen Auftakt vergebe ich gute 4 Sterne.