Ich habe "Himmelsfern" nicht gelesen, ich habe es erlebt!

Himmelsfern - Jennifer Benkau

*Worum geht's?*
Noa Grau führt gemeinsam mit ihrem Vater ein ganz normales Leben - bis sich nach einer schrecklichen U-Bahn-Katastrophe alles ändert. Plötzlich geschehen merkwürdige Dinge in Noas Leben. Ihr mysteriöser Retter flüchtet aus dem Krankenhaus, seltsame Gestalten treiben sich in ihrer Nähe herum und Noa verliebt sich. Ausgerechnet in einen Jungen, der in zwei Wochen dem Menschsein den Rücken kehren wird. Hat so eine Liebe überhaupt eine Chance? Einen Sinn?

*Meine Meinung:*
Mit "Dark Canopy" und "Dark Destiny" hat sich Jennifer Benkau in der Buchszene Rang und Namen gemacht. Nun legt die Autorin mit "Himmelsfern" nach, einem Roman, der zwar in eine ganz andere Richtung geht, aber nicht weniger überzeugend ist. Die Geschichte von Noa Grau spielt in der heutigen Zeit in einer unbekannten Stadt Deutschlands und erzählt von ihrem relativ normalen und unspektakulären Leben - bis es nach einer U-Bahn-Katastrophe plötzlich in eine völlig unerwartete Wendung nimmt...

"Himmelsfern" ist in typischer Benkau-Manier sowohl stilistisch als auch inhaltlich besonders. Die gesamte Geschichte mitsamt ihren vielschichtigen Handlungssträngen ist geschickt konstruiert und komplex ausgearbeitet. Man kann nie einschätzen, was auf den nächsten Seiten auf einen warten wird oder welche Geheimnisse gelüftet werden. Bloß die Kapitelüberschriften - oder eher die "Lektionen", wie Jennifer Benkau sie passenderweise genannt hat - geben Hinweise darauf, was die Charaktere auf den folgenden Seiten lernen müssen. Langweilig wird es hier nie, auch wenn die Geschichte ein wenig zu lange bis zur großen Enthüllung braucht, die wiederum alles verändern wird. "Himmelsfern" ist kein absolutes Spannungsbündel, trotzdem hat es durch den Wechsel zwischen ruhigen und rasenden Tönen den Titel Pageturner absolut verdient.

Noa Grau ist nicht wie andere Protagonistinnen. Sie ist zurückhaltend, aber kein scheues Naivchen. Sie ist weder allseits beliebt, noch ist sie eine Außenseiterin. Kurzum: Noa ist eine ganz normale junge Frau. Abgesehen von ihrem außergewöhnlichen Hobby, dem gefährlichen Spiel mit den Feuer-Poi, ist Noa ebenso unauffällig, wie es ihr Nachname vermuten lässt. Sie ist wie ein Mädchen, das ganz zufällig im Haus nebenan wohnt oder mit einem in die gleiche Klasse geht - und genau das macht es so einfach, sich mit ihr zu identifizieren. Durch ihren seltsamen, trockenen Humor, ihren immerwährenden Hunger und ihre herrlich erfrischende Art, die gerade durch ihre Gewöhnlichkeit aus der Masse heraussticht, wächst einem Noa sofort ans Herz.

Im Laufe der Handlung vollzieht Noa allerdings eine beachtliche Entwicklung. Die Noa, die man am Anfang kennenlernen darf, hat kaum noch etwas mit der Noa gemein, die man nach der letzten Seite zwischen den Buchdeckeln zurücklassen muss. Die plötzlichen Veränderungen in ihrem Leben ziehen nicht ohne weiteres an ihr vorbei. Sie hinterlassen gravierende Spuren, die Noa reifer und erwachsener werden lassen. Was sich nun nach einer typischen Jugendbuch-Entwicklung anhört, ist ausnahmsweise nicht "Noa-normal". Man erlebt mit Noa ihr Leben, das mit jeder Seite mehr an Normalität verliert und doch seine Ehrlichkeit niemals verliert, und nimmt etwas für sich selbst daraus mit.

Die Nebencharaktere in "Himmelsfern" als eben solche zu bezeichnen, tut mir schon beinahe in der Seele weh! Denn Jennifer Benkau hat mit ihnen kleine Perlen geschaffen, von denen man nicht genug bekommen kann. Sie sind so individuell und einzigartig, so authentisch und lebendig, dass man sie durch die Seiten greifen, gar ihren Herzschlag spüren kann. Jeder von ihnen, selbst die Gegenspieler, überzeugen mit ihren facettenreichen Persönlichkeiten. Am liebsten würde man ganze Bücher über ihre eigenen Geschichten lesen! Diesem Wunsch kommt Jennifer Benkau in dem Prequel "Himmelsnah", das von Corbin und Anna erzählt, sogar nach.

"Himmelsfern" ist eines jener Bücher, das vor allem von seiner dichten Atmosphäre lebt. Um die gesamte Geschichte schwebt ein dicker Nebel, der alles farblos, trist und distanziert wirken lässt. Er lässt eine Melancholie entstehen, die einem auf bittersüße Weise direkt ins Herz geht. Erst durch die Charaktere und ihre Emotionen gewinnt die Geschichte an Farben; Farben, die sich mit jedem Ereignis intensivieren und innerhalb eines Herzschlags wieder verloren gehen können. Mich hat "Himmelsfern" mit seiner stimmungsvollen Atmosphäre absolut gefesselt und emotional mitgerissen: Mal habe ich himmelhoch jauchzend an den Seiten geklebt, dann war ich wieder zu Tode betrübt.

*Cover:*
Zauberhaft! Das blasse Rosa, was mir natürlich sehr gut gefällt, ist weder zu aufdringlich noch zu "girly". Die Feder mit den wunderschönen Verzierungen ist ein echtes Highlight und passt perfekt zum Roman, auch wenn sie einige Geheimnisse birgt...

*Fazit:*
Mit "Himmelsfern" hat Jennifer Benkau wieder einmal einen wundervollen Roman geschrieben, der mit einer geschickt gestrickten Handlung, vielschichtigen Charakteren und einer dichten Atmosphäre für melancholische Lesestunden sorgt. Ewig schon habe ich kein Buch mehr gelesen, das mich so lange - sogar ein wenig zu lange - über das zwischen den Buchdeckeln verborgene Geheimnis rätseln lassen hat. Die Geschichte hat mich absolut gepackt und emotional mitgerissen. Ich habe "Himmelsfern" nicht gelesen, ich habe es erlebt! Trotz meiner Begeisterung kann ich "Himmelsfern" nicht bedingungslos weiterempfehlen. Wer ruhigere Töne in einer Geschichte schnell als langatmig empfindet, wird sich in diesem Roman nicht rundum wohl fühlen. Für "Himmelsfern" vergebe ich schwache 5 Sterne.