Rezension: "Der Weg der gefallenen Sterne"

Der Weg der gefallenen Sterne: Roman (Heyne fliegt) (German Edition) - Caragh M. O'Brien, Oliver Plaschka

*Worum geht's?*
Das Leben in Sylum ist dem Tode geweiht. Deshalb hat Gaia als neue Matrach beschlossen, die Siedlung zu verlassen und mit den Bewohnern zur Enklave zu reisen, um vor deren Mauern eine neue Stadt zu gründen. Gaia weiß, wie riskant ihr Vorhaben ist. Wenn der Protektor ihnen das Wasser verwehrt, war alles umsonst - und sie werden alle sterben. Als Gaia und ihre Freunde ihr Ziel erreichen, zeigt der Protektor der Enklave wenig Mitgefühl. Er hat nicht vergessen, was ihm Gaia und sein Adoptivsohn Leon angetan haben. Doch die junge Matrach gibt nicht auf und setzt alles daran, auf friedliche Weise mit dem Protektor zu verhandeln. Tatsächlich scheinen ihre Bemühungen Früchte zu tragen, doch dann macht der Protektor Gaia ein fürchterliches Angebot. Kann sie ein Leben opfern, um alle anderen zu retten?

*Kaufgrund:*
Ich liebe die Bücher von Caragh O'Brien! Die ersten zwei Bände ihrer Trilogie haben mich absolut mitgerissen, weshalb für mich natürlich absolut klar war: "Der Weg der gefallenen Sterne" ist ein Buch, das ich lesen muss - komme, was da wolle!

*Meine Meinung:*
Der Einstieg in die Geschichte viel mir sehr leicht. Bereits nach wenigen Sätzen war ich wieder mit Leib und Seele in Gaias Geschichte gefangen. Da Caragh O'Brien aber auf weit ausholende Rückblenden verzichtet und nur knapp ein paar Einzelheiten aus den zwei Vorgängern wiederholt, sollte man die Charaktere und die Ereignisse gut im Gedächtnis haben, ehe man mit dem Lesen beginnt. Wenn es ein Weilchen her ist, seit ihr "Die Stadt der verschwundenen Kinder" und "Das Land der verlorenen Träume" gelesen habt, solltet ihr lieber noch ein wenig in ihnen blättern, um eure Erinnerungen aufzufrischen.

In "Der Weg der gefallenen Sterne" geht es rasant her, aber dieser Roman ist nicht mit Blut geschrieben. Eine nervenaufreibende Schlacht ums Überleben, die von der ersten bis zur letzten Seite brutal ihre Opfer fordert, erwartet einen hier nicht. Gaia führt einen diplomatischen Kampf, für den sie Köpfchen und keine Waffen braucht. Dementsprechend ruhig und still entwickelt sich die Geschichte, aber langatmig oder gar zäh ist sie deshalb nicht. Die Atmosphäre ist extrem angespannt, die Verhandlungen spitzen sich mehr und mehr zu und die Gemüter erhitzen sich so stark, dass man von der gesamten Geschichte mitgerissen wird und nicht mehr mit dem Lesen aufhören mag. Bis kurz vor fünf in der Früh habe ich dieses Buch gelesen, weil ich mich nicht von den Seiten losreißen konnte! Auch wenn "Der Weg der gefallenen Sterne" eine andere Art von Spannung erzeugt, langweilig wird einem hier wirklich nicht. Man fiebert dem großen Finale entgegen, das im Gegensatz zum Rest der Geschichte wieder die Aufregung aufkommen lässt, die einen das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Caragh O'Brien legt auch im letzten Band ihrer Trilogie großen Wert auf die Krankheiten der Gesellschaft, die durch den geringen Genpool entstanden sind. Fast jedes Kind ist krank und stirbt viel zu jung. Oftmals können Paare nicht einmal Kinder bekommen, weil sie unfruchtbar geworden sind. Die Krankheiten raffen die Gesellschaft mehr und mehr dahin und lassen sie zu extremen Mitteln greifen. Der Protektor hat mittlerweile für fast jedes Problem eine Lösung gefunden, doch der Preis ist hoch - und hinterlässt beim Lesen ein ungutes, bedrückendes, gar krankes Gefühl. Caragh O'Briens Ideen haben dafür gesorgt, dass mir beim Lesen richtig schlecht geworden ist. Nichtsdestotrotz war ich mehr als fasziniert und begeistert von ihnen. Sie geben dem Roman einen ganz sonderlichen Beigeschmack, der mich absolut packen konnte.

Nach einem aufwühlenden und aufregenden Finale, das ebenso schnell wieder vorbei ist wie es angefangen hat, findet die Geschichte um Gaia einen gelungenen, wenn auch traurigen Abschluss. Caragh O'Brien beantwortet die wichtigsten Fragen, lässt einige Handlungsstränge allerdings offen und relativ ungelöst. Damit bietet sie ihren Lesern genügend Freiraum, um die Geschichte allein weiter zu träumen, ohne dass man sich nach der letzten Seite allein gelassen fühlt.

Die junge Hebamme Gaia ist auch im letzten Band der "Birthmarked"-Trilogie die Protagonistin der Geschichte. Seit wir sie in "Die Stadt der verschwundenen Kinder" kennenlernen durften, hat sie sich sehr verändert. Auch wenn noch selten die alte Gaia durchschimmert, ihre Entwicklung hat sie abgehärtet, viel zu schnell erwachsen werden lassen. Einige Male spürt man jedoch deutlich, wie ihr ihre Verantwortung als Matrach über den Kopf wächst, sie fordert, aber eben auch überfordert. Die vielen Aufgaben, um die sie sich kümmern muss, treiben sie an den Rand ihrer Belastbarkeit, bis auch die sonst so kontrollierte Gaia de Nerven verliert, Fehler macht und nachlässig wird. Gaia ist stark, aber nicht perfekt, und das wird innerhalb ihrer Rolle besonders deutlich. Ihre Schwächen machen sie aber nur noch authentischer und sympathischer. Ich konnte absolut nachvollziehen, warum sie ihre Fehlentscheidungen getroffen hat, und bekam niemals das Gefühl, das sie mit ihren angespannten Nerven die meinen strapazierte.

In "Der Weg der gefallenen Sterne" darf man alle wichtigen Nebencharaktere noch einmal wiedersehen, aber es kommen auch noch ein paar neue Gesichter hinzu. Letztendlich sieht man sich in diesem Band mit einer breiten Vielzahl an Figuren konfrontiert, die in das Geschehen eingreifen. Was ich in den meisten Romanen als störend empfinde, da viele interessante Charaktere dadurch zu schnell in Vergessenheit geraten oder zu blass bleiben, hat in diesem Buch erstaunlich gut funktioniert. Ich habe jede Figur entweder in mein Herz oder in mein Gedächtnis geschlossen und war überrascht, wie gut Caragh O'Brien ihre Persönlichkeiten herausstellen konnte. Natürlich bleiben einige von ihnen Randfiguren, aber trotzdem ist es der Autorin gelungen, ihnen Leben einzuhauchen und sie echt wirken zu lassen.

Besonders Leon, den ich bereits im Auftakt am liebsten mochte, bekommt diesmal endlich die Aufmerksamkeit, die er verdient. Während es in den zwei Vorgängern durch die Umstände kaum möglich war, den echten Leon kennenzulernen, erlebt man ihn hier in fast jeder Szene. Es hat mich erstaunt zu sehen, was in ihm steckt, zu was er fähig ist, was er fühlt. Einerseits war Leon genau derjenige, für den ich ihn gehalten hatte, andererseits konnte er mich auch mit neuen Seiten überraschen. Neben Gaia war Leon für mich definitiv ein Highlight der Reihe.

Die Liebesgeschichte des zweiten Bandes hat mir zwar besser gefallen, als ich es erwartet hätte, aber trotzdem bin ich froh, dass sich Gaia im letzten Teil ihrer Geschichte endlich entschieden hat (sorry, aber drei Verehrer sind auf Dauer doch ein wenig anstrengend!). Im Trilogieabschluss kam deshalb nicht nur ich voll auf meine Kosten, sondern auch Gaia, die endlich in den Genuss einer zarten, tiefen und ehrlichen Liebe kommen darf, die mit ihren sanften Tönen zu bezaubern weiß.

Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, findet man auf den ersten Seiten eine aufschlussreiche Karte. Sie zeigt die Enklave und ihre Umgebung, sogar einzelne wichtige Gebäude und Orte sind auf ihr abgebildet. Durch ihre Hilfe kann man sich die Geschichte räumlich viel besser vorstellen. Die Karte ist ein wunderschönes Extra, au das ich während des Lesen nicht hätte verzichten wollen, denn ich habe einige Male zurückgeblättert und neugierig nachgeschaut, wo die Charaktere sich gerade aufhalten.

*Cover:*
Wieder einmal ist das Cover gleich geblieben und nur die Farbe wurde verändert. Dass es sich hierbei um eine Reihe handelt, ist auf den ersten Blick zu sehen, aber etwas mehr Individualität bei der Covergestaltung hätte ich mir schon gewünscht. Immerhin ist der purpurne Farbton schön gewählt!

*Fazit:*
Ich verabschiede mich nur äußerst ungern von Gaia. Ich habe jede einzelne Seite ihrer Geschichte verschlungen, aufgesogen, inhaliert. Sie hat mich berührt, bewegt, begeistert, mich von Angst über Liebe bis hin zu Zorn alles fühlen lassen, was auch Gaia gefühlt hat. Kaum eine Trilogie hat mich so sehr begeistern können wie diese. Auch wenn der letzte Band mich nicht so sehr überzeugen konnte wie der Auftakt, so konnte ich "Der Weg der gefallenen Sterne" doch voll und ganz genießen. Auf Wiedersehen, Gaia! Vielen Dank, dass ich dein Abenteuer mit dir, deiner Familie und deinen Freunden erleben durfte! Für "Der Weg der gefallenen Sterne" vergebe ich 4 Sterne.