Rezension: "Die Auserwählte"

Die Auserwählte  - Jennifer Bosworth, Thomas Bauer

Worum geht's?
Die Welt steht kurz vor ihrem Untergang. Schreckliche Unwetter haben sie bereits in Trümmer gelegt und die alles zerstörende Katastrophe steht kurz davor. Zwei fanatische Gruppierungen versuchen bis zur Apokalypse so viele Anhänger wie möglich zu finden, um die letzten Tage der Erde auf ihre Weise zu verändern. Während die Suchenden auf ihre eigene Kraft bauen, verlassen sich die religiösen Jünger auf Gottes allmächtige Führung. Beide Gruppen versprechen, dass ihre Mitglieder den Weltuntergang überleben werden - aber wer von ihnen spricht die Wahrheit? Auf wen kann man sich verlassen? Mia Price traut niemanden und dabei ist sie das Mädchen, um das sich die rivalisierenden Gruppen reißen. Sie ist diejenige, die es liebt, vom Blitz getroffen zu werden - und durch die überwältigende Energie Fähigkeiten besitzt, die alles entscheiden werden. Denn sie ist die Auserwählte, die die Welt endgültig zerstören oder retten kann...

 

Kaufgrund:
Auf "Die Auserwählte" bin ich eher zufällig gestoßen. Der Klappentext klang sehr interessant und deshalb habe ich kurzerhand beschlossen, es lesen zu wollen!

Meine Meinung:
"Das Ende ist nah!" - Was für uns (noch) unbegreiflich ist, ist in "Die Auserwählte" von Jennifer Bosworth ein akutes Problem. In ihrem Roman liegt unsere Welt nach einem fürchterlichen Unwetter in Trümmern und die große Katastrophe, die sie zerstören wird, steht unmittelbar bevor. Die Menschen fristen ihre letzten Tage in Angst und Schrecken und schließen sich nach und nach einer von zwei Gruppierungen an, die sich auf die Apokalypse vorbereiten: den Suchenden oder den Gläubigen, die unter der Leitung Prophets um Gottes Gnade bitten. Mia Price, das Mädchen mit der besonderen Gabe, steckt mitten in dem Chaos und will mit all dem gar nichts zu tun haben, aber beide Gruppen reißen sich um sie. Denn sie ist die Macht, die die Welt endgültig zerstören oder retten kann.

Der Roman beginnt drei Tage vor der großen Katastrophe, dem alles zerstörenden Unwetter. Passend dazu ist "Die Auserwählte" in vier Abschnitte gegliedert, die jeweils einen Tag der Geschichte behandeln - das fulminante Finale am Tag des Unwetters inklusive. Diese spezielle Aufteilung des Romans verleiht ihm eine aufregende, angespannte Atmosphäre, schließlich handelt es sich um einen Countdown zum Weltuntergang - und das liest man nicht nur, das spürt man!

Weil ich andere Erwartungen an "Die Auserwählte" hatte, war ich von einigen Teilen der Geschichte zunächst sehr enttäuscht. Nach den Beschreibungen des Klappentextes hatte ich erwartet, die Apokalypse quasi am eigenen Leib miterleben zu können. Tatsächlich fehlt von tödlichen Tsunamis, tosenden Tornados und erschütternden Erdbeben weit und breit jede Spur. Sie haben längst gewütet und man bekommt nur noch die Auswirkungen ihrer Zerstörungskraft zu spüren. Diese hat Jennifer Bosworth allerdings sehr treffend und schockierend beschrieben. Besonders die Psyche der Menschen und ihre Wünsche nach Halt, Sicherheit und Geborgenheit, die sie in den fanatischen Gruppen suchen, hat die Autorin eindringlich und berührend beschreiben können.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto übersinnlicher wird sie. Bei "Die Auserwählte" handelt es sich also um einen apokalyptischen Fantasy-Roman, der sich zu Beginn sehr auf deinen Weltuntergangsteil fixiert und erst nach und nach mehr von seinem Fantasy-Part preisgibt. Damit kann der Roman an einigen Stellen überraschen, denn trotz Mias besonderen Fähigkeiten erweckt die Geschichte zunächst nicht den Eindruck, als würde man später auf die sonderbaren Dinge treffen, die einen spätestens ab der zweiten Hälfte des Romans erwarten.

Die siebzehnjährige Mia Price ist die Protagonistin des Romans und übernimmt zugleich den Part der Erzählerin. Sie ist eine toughe und willensstarke junge Frau, die trotz ihres Alters bereits eine viel zu große Verantwortung tragen muss. Mia erfüllt pflichtbewusst ihre Aufgaben und kümmert sich um ihre Familie, ohne sich zu beschweren, obwohl man ihr manchmal anmerken kann, dass sie am liebsten alles hinter sich lassen und abhauen würde - aber wer kann ihr das unter den Umständen schon verübeln? 
Die starke Mia ist einem auf Anhieb sympathisch, denn sie ist eine besondere Protagonistin. Eine von jener Sorte, die man nur selten trifft. Sie lässt sich von nichts und niemandem Befehle erteilen oder etwas einreden und macht sich lieber ein eigenes Bild. Sie ist eine Kämpferin, die die Dinge lieber selbst in die Hand nimmt und sich nur auf andere verlässt, wenn es keine andere Möglichkeit für sie gibt. Sie ist vorsichtig, wachsam und skeptisch, weshalb sie sich keiner Gruppierung anschließen will, bis sie weiß, wer kein falsches Spiel mit ihr treibt. Auf manche Leser wird sie zunächst einen distanzierten, kühlen, vielleicht auch arroganten Eindruck machen, aber je besser man Mia und ihre apokalyptische Welt kennenlernt, desto klarer wird einem, dass sie nur das tut, was sie tun muss, um ihre Familie zu beschützen.

Mia verfügt über besondere Kräfte, um die sich sowohl die Suchenden als auch Prophet und seine Jünger reißen. Sie selbst bezeichnet sich als "blitzsüchtig", denn nichts lässt sie sich so lebendig fühlen, wie wenn ein Blitz in sie einschlägt. Bis auf ihr Gesicht ist Mias ganzer Körper mit Blitzschlag-Narben übersät, die sie zu verstecken versucht, denn bisher mied sie jeder, der wusste, dass sie bereits mehrfach von Blitzen getroffen wurde. Sie versucht ihr geheime Leidenschaft zu verstecken und zu vertauschen, nur ihre Familie weiß davon - und wenn sich Mia nicht in ein paar wenigen Rückblenden an ihre Begegnungen mit Blitzen erinnern würde, würde man auch als Leser nicht davon wissen. Leider erlebt man den "menschlichen Blitzableiter", wie sie sich selbst zu Beginn des Romans nennt, nur einmal "live" in Aktion und darf sonst nicht miterleben, wie es sich für sie anfühlt. Es ist wirklich schade, dass Jennifer Bosworth diesem besonderen Thema kaum die Beachtung schenkt, die es verdient hätte. Der Klappentext und die ersten Zeilen vermitteln einem diesbezüglich leider auch ein etwas falsches Bild.

"Die Auserwählte" zählt zu den Jugendbüchern, was selbstverständlich bedeutet, dass eine romantische Liebesgeschichte nicht fehlen darf. Wer nun aber schon genervt aufseufzt und dieses Buch von der Wunschliste streichen will, weil er oder sie keine Lust auf eine kitschige Dreiecksbeziehung hat, der tut Jennifer Bosworths Roman Unrecht. Die Autorin hat zwar eine Liebesgeschichte in ihre Handlung eingewoben, doch sie verläuft nicht nach dem typischen Schema. Es sind starke Gefühle, die dort aufkeimen, aber sie spielen sich eher ruhig im Hintergrund des Geschehens ab und drängen sich nicht in unpassenden Momenten in der Vordergrund. Der romantische Teil nimmt der Geschichte nicht ihre ernste und erschreckende Atmosphäre, sondern kann sie durch ihre eigene Entwicklung noch verstärken.

Bei "Die Auserwählte" handelt es sich voraussichtlich um einen in sich abgeschlossenen Einzelband. Der Abschluss der Geschichte unterstricht diese Vermutung, denn die Handlung kann nach einem aufregenden und mitreißenden Finale als beendet angesehen werden.

Leider bleiben in "Die Auserwählte" einige Sachverhalte zu offen, zu ungeklärt. Jennifer Bosworth stellt ihre Leser vor vollendete Tatsachen und bietet nur wenige Hintergrundinformationen. Einerseits hat sie dies geschickt gelöst, denn beide Gruppierungen haben ihre eigenen Theorien und so erhält keiner von beiden Recht. Andererseits bleibt einem aber nichts anderes übrig, als sich selbst für eine Gruppe und deren Meinung zu entscheiden, wenn man vage Erklärungen haben möchte. Bis zum Schluss liefert die Autorin keine echten Antworten, auf die man sich verlassen könnte.

Cover:
Das Cover ist so düster, dass man beinahe gar nicht erkennen kann, wie viel Liebe zum Detail in ihm steckt. Denn wer genau hinschaut, kann am Körper des Mädchens Blitzschlag-Narben erkennen, die sich wie rote Striemen über ihre Arme verteilen. Die Weltuntergangs-Atmosphäre kann das dunkle Cover auf jeden Fall perfekt einfangen und auch die Blitze, die in der Geschichte so wichtig sind, sind darauf zu sehen. Toll!

 

Fazit:
Für mich war "Die Auserwählte" nicht ganz das, was ich erhofft hatte, und konnte meine Erwartungen deshalb nicht erfüllen. Das bedeutet allerdings nicht, dass mir der Roman von Jennifer Bosworth nicht gefallen hat! Im Gegenteil: Mit der gelungenen Mischung aus Apokalypse und Fantasy konnte mich die Autorin schnell in ihren Bann ziehen und mitreißen. Mia ist eine großartige, starke Protagonistin, die man schnell ins Herz schließt und gerne auf ihrem gefährlichen Abenteuer bis zum Weltuntergang begleitet. Während Mia Price auf positive Art begeistert, faszinieren die fanatischen Gruppierungen auf eine düstere und erschreckende Weise, die allerdings nicht minder überzeugend ist. "Die Auserwählte" ist ein innovativer Roman, der jeden, der offen für Neues ist, begeistern wird. Von mir gibt es deshalb verdiente 4 Lurche.