Ein schwieriger Einstieg, aber das Durchhalten lohnt sich!

Wen der Rabe ruft  - Maggie Stiefvater

*Worum geht's?*
In Blues Familie ist jeder mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet. Nur um Blue hat diese Gabe einen Bogen gemacht, dafür kann sie mit ihrer bloßen Anwesenheit die Fähigkeiten anderer verstärken. Als Blue eines Abends ihrer Tante auf einem Friedhof dabei helfen soll, die Seelen der Sterbenden zu empfanden, ist plötzlich alles anders. Blue sieht den Geist eines Jungen, was nur eines bedeuten kann: Sie ist der Grund für seinen Tod. Ist er etwa ihre wahre Liebe, die Blue laut einer Prophezeiung durch einen Kuss töten wird?

*Meine Meinung:*
Maggie Stiefvater zählt zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Kein Wunder also, dass ihr neues Buch „Wen der Rabe ruft“, der Auftakt einer vierteiligen Reihe, für mich ein absolutes Must-Read war. In „Wen der Rabe ruft“ erzählt Maggie Stiefvater eine völlig neue Geschichte, die bis auf ihren unvergleichlichen und atmosphärischen Schreibstil nicht viel mit den anderen gemein hat. Diesmal geht es sehr mysteriös zu. Merkwürdige Wahrsagerinnen, eine tödliche Prophezeiung und das Grab eines walisischen Königs stehen im Mittelpunkt dieser Serie und bringen viele geheimnisvolle Rätsel mit sich, eines gefährlicher als das andere.

Mit „Wen der Rabe ruft“ hatte ich zu Beginn allerdings einige Schwierigkeiten. Ich war selbst überrascht, wie schwer es mir fiel, einen Zugang zu den einzelnen Charakteren und der Geschichte zu bekommen. Während ich mich in anderen Büchern der Autorin auf Anhieb wohlfühlte und mich in einen wunderbaren Lesefluss ziehen lassen konnte, musste ich mich in „Wen der Rabe ruft“ erst ausgiebig mit den Figuren und der Handlung auseinandersetzen. Sowohl die einzelnen Personen als auch der Plot wirken zunächst sehr distanziert, gar verschlossen, als würde sie ein dichter Nebel umgeben, der sich mit den Seiten nur langsam zu lichten beginnt. Zu Beginn empfand ich es als störend, doch ich muss zugeben, dass genau das schließlich einen großen Reiz des Buches ausgemacht hat.

Alles in „Wen der Rabe ruft“ deutet darauf hin, dass uns in den nächsten Bänden der „Raven Boys“-Reihe Großes erwarten wird. Im Grunde liest sich dieser Auftakt sogar wie ein langer Prolog, der viele unterschiedliche Handlungsstränge vorstellt, ihre Verbindungen und Bedeutungen aber nur in seltenen Fällen aufklärt. Es bleiben viele Fragen offen, viele Elemente der Geschichte ungeklärt, die Maggie Stiefvater genug Stoff für die kommenden Fortsetzungen bieten. Obwohl in „Wen der Rabe ruft“ alles nur oberflächlich bleibt – allerdings auf eine für die Autorin sehr typische „tiefgreifende Oberflächlichkeit“ – fühlt man sich nach der letzten Seite nicht mit zu vielen Fragezeichen im Kopf zurückgelassen. Am liebsten würde man sofort nach der Fortsetzung greifen und weiterlesen.

Durch den Klappentext bekommt man schnell den Eindruck, dass die Liebe in „Wen der Rabe ruft“ eine große Rolle spielt. Tatsächlich nimmt sie als Teil von Blues Prophezeiung einen entscheidenden Part in der Geschichte ein, doch auf gefühlvolle Romantik muss man beinahe vollkommen verzichten. Maggie Stiefvater hat nur wenige solcher Momente in „Wen der Rabe ruft“ einfließen lassen. Vielmehr webt sich die Liebe sehr zaghaft und authentisch in die Geschichte ein, als wäre sie ein Samenkorn, das noch auf den richtigen Moment wartet, um zu sprießen. Maggie Stiefvater beweist, dass es nicht immer die klischeehafte Liebe auf den ersten Blick sein muss – und das gefällt!

Die Charaktere sind ganz eindeutig das Highlight des Romans. Maggie Stiefvater hat starke und ausdrucksvolle Figuren konzipiert, die mit Tiefe und auffallenden Stärken und Schwächen begeistern. Jeder von ihnen ist so individuell und einzigartig, in seiner Art so speziell und doch so ausgereift, dass ich mich so manches Mal gefragt habe, wie so unterschiedliche Persönlichkeiten so gut miteinander auskommen können. Tatsächlich entfalten die einzelnen Charaktere erst in der Kombination aus ruhigen Momenten und aufregender Gruppendynamik – mitsamt witzigen und ernsten Dialogen - all ihre Facetten. Blue, ihre Familie und auch die Raven Boys sind alles andere als Stereotypen, aber ihre Eigenarten machen sie bloß noch sympathischer.

Wie in all ihren Romanen schafft Maggie Stiefvater auch in ihrem neuen Serienauftakt eine großartige Atmosphäre, die einen als Leser mit Haut und Haar gefangen nimmt. In „Wen der Rabe ruft“ geht es sehr düster her, woran nicht zuletzt Blues Wahrsager-Familie die Schuld trägt. Dunkle Magie, verstorbene Seelen, längst vergessene Mysterien sorgen für einen zarten Nervenkitzel, der sich erst zum Ende des Romans vollkommen entfaltet, wenn Maggie Stiefvater aus wagen Vermutungen grausige Wahrheiten werden lässt.

*Cover:*
Schlicht und doch so atmosphärisch wie der Roman selbst. Das Cover passt perfekt zum Buch, spielt sogar auf gewisse Szenen an und sieht dabei einfach klasse aus.

*Fazit:*
„Wen der Rabe ruft“ von Maggie Stiefvater macht es selbst Fans der Autorin manchmal schwer. Der Auftakt der vierteiligen Serie rund um Protagonistin Blue und die Raven Boys, die sich gemeinsam auf die Suche nach dem magischen Grab eines walisischen Königs machen, ist besonders zu Beginn alles andere als leicht zugänglich. Man muss sehr intensiv und aufmerksam lesen, um sich in „Wen der Rabe ruft“ zurechtzufinden und sich voll und ganz auf die Geschichte einlassen zu können. Hat man den schwierigen Einstieg erst einmal überwunden, bietet Maggie Stiefvater ihren Leser allerdings eine tolle Geschichte mit gewohnt großartigen Charakteren. Der Schreibstil der Autorin und die Atmosphäre, die Maggie Stiefvater durch ihre eindringliche und bildreiche Schreibe entstehen lässt, machen auch dieses Buch einzigartig und zu einem Must-Read. Für „Wen der Rabe ruft“ vergebe ich gute 4 Lurche.