Eine ernste, nachdenklich stimmende Geschichte mit Gänsehaut-Momenten

434 Tage - Anne Freytag

*Worum geht's?*
Anja ist erfolgreich, selbstständig, bodenständig. Zusammen mit ihrem Mann Tobias lebt sie in einem Haus, das er als Architekt entworfen und sie als Karrierefrau hat bauen lassen. Alles in Anjas Leben läuft gut; sie hat wahrlich keinen Grund, sich zu beschweren. Doch dann trifft sie nach über 10 Jahren ihre Jugendliebe Julian wieder, mit dem Anjas Leben immer viel mehr als bloß gut war. Es war aufregend, leidenschaftlich, ein Abenteuer. Und trotz der vielen Jahre, die vergangen sind, löst Julian noch immer diese unberechenbaren Gefühle in Anja aus…

*Meine Meinung:*
Anne Freytag ist wohl jeder Leseratte, die sich auch gerne im Internet herumtreibt, ein Begriff. Die lebenslustige Autorin hat sich als Self-Publisherin einen bedeutenden Namen gemacht, wird von ihren Leserinnen hoch gelobt und hat es nun sogar mit Buchprojekten zu einem Verlag geschafft. „434 Tage“ ist eine ihrer ersten Publikationen und auch das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe.

„434 Tage“ ist ein Gegenwartsroman, der die Geschichte von Anja Plöger erzählt. Kaum hat man das erste Kapitel gelesen, weiß man schon, worauf Anjas Gefühlswirrwarr hinausgelaufen ist: Sie hat eine Affäre mit Julian begonnen und betrügt ihren Ehemann Tobias schon länger als ein Jahr regelmäßig mit ihm. Auch wenn ihr Gewissen sie plagt, kann sich Anja nicht für einen der beiden Männer entscheiden. Sie will weder auf die Sicherheit und Geborgenheit von Tobias, noch auf die Leidenschaft und den Genuss von Julian verzichten. Anja steckt fest, zwischen den Stühlen, zwischen ihren Gefühlen, die Anne Freytag auf höchst authentische und ehrliche Weise widerzuspiegeln vermag.

Dennoch ist Anja natürlich klar, dass sie ihr verbotenes Spiel beenden muss. Sie muss sich entscheiden, ob sie ihre Ehe retten will oder ob sie einen neuen Versuch mit ihrer Jugendliebe wagen soll, die ihr vor 12 Jahren das Herz gebrochen hat. In „434 Tage“ begleitet man Anja auf dem Weg zu ihrer Entscheidung. Man durchlebt mit ihr eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle, wird von ihrer Lust auf Spontanität und Abenteuer mitgerissen. Zugleich versteht man aber auch Anjas Sehnsucht nach einem sicheren Hafen. Was sich im ersten Moment nach einer typischen Geschichte über das Fremdgehen anhören mag, ist ein aufwühlender und nachdenklich stimmender Roman, in dem man nichts nur schwarz und weiß betrachten kann.

Vor allem aber ist „434 Tage“ keine Geschichte, die sich bloß um die Entscheidung zwischen zwei Männern dreht. Es ist die Geschichte einer Frau, die nach vielen Jahren des Vergessens und Verdrängens endlich wieder auf ihr Herz hört. Die sich traut, in sich hineinzuhorchen, ihre Sehnsüchte zu ergründen. Die es wagt, sich neu zu definieren, sich selbst zu finden. Anja ist eine tolle Protagonistin, die man gern auf diesem Weg begleitet, auch wenn sie einem nicht immer sympathisch ist. Auch sie macht Fehler, trifft falsche Entscheidungen, die man nicht unterstützen kann und will. Aber genau diese Ecken und Kanten sind es, die Anja zu einer lebendigen Protagonistin werden lassen, der man auch über die Seiten hinaus im echten Leben begegnen könnte.

Anne Freytag erzählt ihren Roman über mehrere Ebenen. Kapitel für Kapitel springt die Autorin zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und zurück, sodass man jeden Handlungsstrang kennenlernt, der schlussendlich zu Anjas Entscheidung führen wird. Man erlebt jede Facette ihrer Liebe zu Julian, die Hintergründe ihrer gescheiterten Beziehung, die aufwallenden Gefühle für Tobias und auch die wiederkehrenden Emotionen, die Anja mit Julian verbinden. Mit jeder Seite lernt man nicht nur Anjas Leben, sondern auch sie selbst besser kennen, und es wird immer deutlicher, wie viel Anne Freytag zwischen den Buchdeckeln versteckt hat. Verworren oder gar verwirrend wirkt die Geschichte trotz der vielen Sprünge nie.

So gut „434 Tage“ mir auch gefallen hat, ein Aspekt der Geschichte ging mir doch gehörig auf die Nerven und ist mir so manches Mal negativ ins Auge gefallen. Anja vergleicht ihre Gefühlswallungen nämlich gerne mit einem inneren Dämon, der Ana Steels innerer Göttin aus „Shades of Grey“ mächtig Konkurrenz macht. Jedes Mal, wenn Anja an Julian denkt oder ihn trifft, wird sie von ihrem inneren Dämon begleitet, der mal wohlig schnurrt, sich ein anderes Mal lautstark beschwert oder auch einfach nur mit seiner bloßen Anwesenheit nervt. Tut mir leid, Anja, aber deinem inneren Dämon konnte ich leider partout nichts abgewinnen.

Mit den letzten Seiten beweist Anne Freytag, was sie kann, und übertrumpft sich sogar selbst. Sie überrascht mit einem Ende der Geschichte, das perfekt passt, ich aber niemals so hätte kommen sehen. Ganz plötzlich, ganz unerwartet, dafür mit einer ordentlichen Portion Gänsehaut findet Anjas Geschichte ihren Abschluss – und bleibt ganz sicher noch eine lange Weile im Gedächtnis ihrer Leser.

*Fazit:*
„434 Tage“ war mein erstes Buch der Autorin Anne Freytag und wird ganz sicher nicht mein letztes sein! Mit der Geschichte der erfolgreichen Anja, die sich zwischen ihrer sicheren Ehe mit Tobias und ihrer leidenschaftlichen Affäre mit Julian entscheiden muss – und dabei nicht nur auf Beziehungsebene entdeckt, was sie wirklich will –, hat mich mitgerissen und mit jeder Seite zunehmend begeistern können. Zwischen den Buchdeckeln steckt so viel mehr als man dem Roman auf den ersten Blick zutrauen würde: eine ernste, nachdenklich stimmende Geschichte, die einen nach der letzten Seite mit Gänsehaut allein lässt. Bloß Anjas innerer Dämon, der mindestens ebenso nervig ist wie Ana Steeles innere Göttin, hat mir den Lesespaß stellenweise etwas vermiest. Für „434 Tage“ vergebe ich 4 Lurche.