Seelen zwischen zwei Welten

Shadow World. Kampf der Seelen - Melissa Marr

*Worum geht's?*
Mallory hat kein festes Zuhause. Zusammen mit ihrem Ziehvater Adam, einem Maga, zieht sie von Stadt zu Stadt, um vor den Daimonen zu flüchten. Denn Adam hat etwas, das der Herrscher der Daimonen um jeden Preis zurückhaben will. Als ein weiterer Umzug ansteht, versucht sie allerdings ihren Vater umzustimmen: In Kaleb hat sie jemanden kennengelernt, den sie nicht mehr verlassen möchte – doch in einem Leben auf der Flucht, einem Leben im Kampf gegen die Daimonen hat Kaleb keinen Platz. Mallory weiß jedoch nicht, dass Kaleb in Wahrheit selbst tief in ihr Geheimnis verwickelt ist. Während er in der STADT, der Heimat der Daimonen, in einem tödlichen Wettkampf um seine Freiheit kämpft, treibt ihn ein ebenso tödlicher Auftrag in die Menschenwelt…

*Meine Meinung:*
Mit „Kampf der Seelen“ startet Melissa Marr, die sich durch ihre „Sommerlicht“-Pentalogie im Carlsen-Verlag bereits einen Namen gemacht hat, in eine neue phantastische Serie. Die „Shadow World“-Reihe, die nun im Ravensburger Verlag erscheint, spielt in zwei verschiedenen Welten: einmal der menschlichen Welt, wie wir sie kennen, und in der STADT, in der die Daimonen leben und sich einem strikten Herrschaftssystem des eiskalten Herrschers Marchosias unterwerfen müssen. Gemeinsam mit Mallory, dem Mädchen mit der verhängnisvollen Abstammung, das bisher nur in der Menschenwelt gelebt habt, und Kaleb, einem Streuner aus der STADT mit einem tödlichen Auftrag, erlebt man eine Geschichte voller Geheimnisse und Überraschungen.

Eine tragische Liebe in einer magischen Welt: 0815-Fantasy!? Liest man den Klappentext des Verlags, erhält man einen völlig falschen Eindruck von Melissa Marrs neuem Reihenauftakt. Besonders enttäuschend ist dabei, dass viele Handlungsstränge schlichtweg falsch dargestellt oder unpassend miteinander verknüpft werden. Dadurch wird der Auftakt der „Shadow World“-Reihe in eine Ecke gedrängt, in der das Buch überhaupt nichts zu suchen hat! In „Kampf der Seelen“ erfindet Melissa Marr das Rad der Jugendbuch-Fantasy zwar nicht neu, aber sie hat darin eine Welt geschaffen, die definitiv zu faszinieren weiß. Lasst euch also keinesfalls vom Klappentext in die Irre führen – lest ihn am besten gar nicht erst! – und gebt dem Buch eine faire Chance ohne Vorurteile.

Zugegeben: Die Spannung ist es nicht, die einen als Leser gebannt an den Seiten kleben lässt. Die Handlung von „Kampf der Seelen“ hat nur wenig actionreiche Highlights zu bieten und entwickelt sich eher zaghaft voran. Es ist vor allem die Geschichte an sich, die einen mitreißt und nach jedem Kapitel erneut zum Weiterlesen zwingt. Melissa Marr nimmt sich für ihre Charaktere und ihre Handlung viel Zeit und schreibt mit einer Liebe zum Detail, die es ihren Lesern ermöglicht, voll und ganz in den Roman abzutauchen. Es gibt in „Shadow World“ viel zu erleben und noch mehr zu entdecken. Eine Enthüllung jagt die nächste und lässt das Buch niemals langweilig werden. Es ist die Neugierde, die innere Aufregung, die einen als Leser immer wieder zum Weiterlesen animiert.

Dass der Auftakt der „Shadow World“-Reihe nicht vor Spannung strotzt, bedeutet allerdings nicht, dass es die Geschichte nicht in sich hat! Im Gegenteil: „Kampf der Seelen“ behandelt einige schwerwiegende Themen, die einen alles andere als kalt lassen! Misshandlungen in jeglicher Form – seien sie physischer oder psychischer Natur – gehören zum Leben der Daimonen dazu, Prostitution ist für viele Streuner die einzige Möglichkeit zu überleben. Melissa Marr lässt eiskalte Grausamkeiten in ihre Geschichte einfließen und macht damit mehr als deutlich, dass sie vor allem für heranwachsende Erwachsene schreibt.

Die Autorin fixiert sich nicht auf einen Protagonisten, sondern lässt gleich drei Hauptcharaktere ans Werk: die siebzehnjährige Mallory, die nichts von ihrer wahren Abstammung weiß und bisher mehr oder weniger friedlich in der Menschenwelt gelebt hat, Kaleb, der Streuner, der während des Basars der Seelen auf Leben und Tod versucht, seiner Kaste zu entkommen, und Aya, die wie Kaleb an den tödlichen Kämpfen teilnimmt, um sich als Frau von der Pflicht freizukämpfen, Kinder zu gebären. Durch einen außenstehenden Erzähler, der von Kapitel zu Kapitel die Perspektiven wechselt, erlebt man drei Schicksale, die sich im Verlauf der Geschichte immer stärker annähern und schlussendlich miteinander verwachsen. Drei Charaktere, die alle auf ihre Art faszinieren und überzeugen können. Melissa Marr hat wirklich tolle Figuren erschaffen, die sich perfekt in den Roman einfügen.

Melissa Marr lässt ihre Leser mit einem fiesen Cliffhanger auf der letzten Seite des Romans zurück, der einem genau das bestätigt, was man sich bereits nach der ersten Hälfte des Buches denken konnte: Auf Mallory wartet ein gefährliches Abenteuer, das sie im zweiten Band herausfordern und an ihre Grenzen treiben wird. „Kampf der Seelen“ war erst der Anfang und liest sich tatsächlich wie ein ausführlicher Prolog, der sowohl die Charaktere als auch die Leser erst auf das Kommende vorbereiten will. Nun bleibt zu hoffen, dass die Fortsetzung nicht allzu lange auf sich warten lässt…

*Fazit:*
„Kampf der Seelen“, der Auftakt der neuen Fantasy-Serie „Shadow World“ von Melissa Marr, hat es definitiv verdient, gelesen zu werden. Man sollte sich auf keinen Fall von dem fragwürdigen Klappentext irritieren lassen, der einen völlig falschen Eindruck erweckt: „Kampf der Seelen“ ist kein 0815-Roman des Genres. Zwar wird der Auftakt Fans von mitreißender Action wohl eher nicht für sich begeistern können, aber wer Lust auf eine gut durchdachte und interessante Geschichte in einer komplexen Welt voller Grausamkeiten hat, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten. Die facettenreichen Charaktere runden „Kampf der Seelen“ ab. Für „Shadow World: Kampf der Seelen“ vergebe ich 4 Lurche.